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„Die Juden haben Jesus umgebracht“

Den christlich geprägten Antijudaismus unterscheidet man aufgrund seines religiösen Fundaments vom modernen Antisemitismus, der sich in Anlehnung an die im 19. Jahrhundert entwickelnden (vorgeblich wissenschaftlichen) Rassismuslehren „rassisch“ definiert. Er hat mit dem Antisemitismus eines gemeinsam: Es ist ein Welterklärungsmodell, das durch Simplifizierung auf eine unverstandene Welt reagiert. Die Juden waren nicht zufällig Ziel dieser Wahnideen: Sie waren theologisch und gesellschaftlich isoliert, sie standen immer am Rande der Gesellschaft und konnten daher leicht ausgegrenzt werden.

Antijudaismus- Basis jahrhundertelanger Verfolgung

Der Antijudaismus stellte die Grundlage dar für die massiven Verfolgungen und Ermordungen von Juden vom tiefen Mittelalter bis in die Neuzeit (diese waren zum Beispiel in Polen und Russland bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht ungewöhnlich). Insbesondere zu Zeiten der Pest und der Inquisition kam es zu massiven Verfolgungen, in deren Verlauf viele Juden ermordet wurden. Im Zuge der Inquisition wurden alle Juden, jahrhundertelang dort beheimatet, aus Spanien (1492) und Portugal (1498) ausgewiesen. Im deutschsprachigen Raum ist Martin Luther als bekanntester Vertreter des Antijudaismus zu nennen. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ rief Luther zur Verbrennung von Synagogen, dem Verbot der jüdischen Religionsausübung und der kompletten Entrechtung der jüdischen Bevölkerung auf.

Ritualmordlegenden als Welterklärungsmodell

Zum Standardrepertoire des Antijudaismus gehörten Ritualmordlegenden gegen Juden. Diese Horrormärchen rechtfertigten den Judenhass und die Verfolgung der Juden, indem zum Beispiel behauptet wurde, die Juden bräuchten für die beim Pessachfest rituell zu verzehrenden „Mazzen“ das Blut von christlichen Jungen, weshalb sie jedes Jahr vor Pessach junge Christen entführen und rituell schlachten würden. Diesen Geschichten fehlt jede faktische Grundlage, sie gelangten aber, aufgrund abertausendfacher und jahrhundertelanger Wiederholung, in den Rang einer gesellschaftlichen Gewissheit, die irgendwann nicht mehr hinterfragt wurde.

Ritualmordlegenden- das Mittelalter wirft Schatten

In den letzten Jahrzehnten werden im arabisch-muslimischen Raum europäisch-mittelalterliche Ritualmordlegenden verbreitet, besonders schockierend präsentiert in Verbindung mit extrem blutigem Bildmaterial. Zum Beispiel die Ritualmordlegende vom Mazzen aus Blut backenden Juden, gesendet im Ramadan 2005 zur besten Sendezeit und parallel auf vielen arabischen und muslimischen Sendern, von denen viele auch in Deutschland via Satellit empfangen und konsumiert werden (siehe unten). Ritualmordlegenden gehören inzwischen im arabisch-muslimischen Raum zum gesellschaftlichen Standardrepertoire, um den eigenen Antisemitismus und den Hass auf Israel anzutreiben und als rational zu präsentieren.

Mit „Ritualmordlegenden 2.0“ gegen Israel

In Europa spielen diese Ritualmordlegenden schon lange keine Rolle mehr. Es gibt jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten die Tendenz, sich aus dem Kriegsgeschehen des Nahostkonflikts ergebende Geschehnisse als Ausgangspunkt für die Erfindung von modernen Ritualmordlegenden zu entwickeln (mehr dazu in Punkt 9.). Diese finden dann oftmals auch wieder Aufnahme in der europäischen Presse, so zum Beispiel das angebliche „Massaker von Dschenin“ aus dem Jahre 2002, das als „Beweis“ für die Grausamkeit der israelischen Armee angeführt wird (so geschehen 2009 in der ARD vom ehemaligen deutschen CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm). Durch eine kurze Google-Suche kann man selbst feststellen, dass diese moderne Ritualmordlegende immer noch geglaubt und vielfach verbreitet wird, obwohl eine unabhängige UN-Kommission schon 2002 die These eines Massakers klar widerlegt.

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Weiterführende Informationen

Links

Opens external link in new windowRitualmordlegende - Aufbau und Funktion
Wikipedia

Opens external link in new windowAl-Manar zeigt Juden beim Schlachten von Christenjungen
Übersetzter Videoausschnitt aus Fernsehserie, MEMRI-TV

Opens external link in new windowUN- Kein Massaker in Dschenin
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2002