Es könnte so schön sein: Die Saison ist vorbei, die fußballfreie Zeit muss sinnvoll überbrückt werden. Wobei, erstmal ist Wunden lecken angesagt. Denn, der beste Verein der Welt, der 1. FC Saarbrücken, ist wider Erwarten nicht aufgestiegen. Die Männer scheiterten knapp (Platz 15) an der 2. Liga, die Frauen mussten sich – trotz Meisterschaft - mit Hertha BSC um den begehrten Platz in der 2. streiten, was auch nur beinahe funktioniert hat. Dass Meister und Meisterinnen nicht aus der Regionalliga aufsteigen ist auch etwas, was dringend geändert werden muss. Doch der Kummer um die verpassten Chancen hält eh nie lange, als Saarbrücken-Fan ist man das gewohnt. Was liegt also näher, als sich die WM der Männer zu gönnen? Nun, zum Beispiel der Neptun. Ist auf jeden Fall näher als die WM, die ich boykottiere. Und das hat ganz unterschiedliche Gründe:
1. Ich bin kein Fußball-Fan, sondern Fan des 1. FC Saarbrücken. Da wird manchmal sowas wie Fußball geboten, aber das weiß man vorher nie so genau. Manchmal regnet es auch zu viel, wie am 7. Februar 2024, als kurz vor Anpfiff im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Gladbach das Spiel abgesagt wurde. Der Rasen war abgesoffen, da halfen auch die fünf Leute mit Laubbläsern auf dem grünen Feld nichts. Was eine Blamage, aber da kann der Verein nichts dafür, die Stadt besitzt das Stadion und hat Mist gebaut. Am 12. März haben wir dann trotzdem gewonnen. Warum soll ich mir also Spiele ansehen, wo ich die Spieler nicht kenne, und wo niemand aus Saarbrücken mitspielt?
2. Das Stadionerlebnis: Im besten Stadion der Welt – dem Saarbrücker Ludwigspark – treffe ich Freunde und Freundinnen um gemeinsam zu jubeln, jammern, singen, pöbeln und trinken. Für Auswärtsfahrten reicht leider die Kraft nicht, da muss notgedrungen vorm Fernsehen mitgefiebert werden. Wenn die WM in Saarbrücken ausgetragen wird, geht ich hin, versprochen.
3. Der Kommerz: Wieder die alte Leier, aber die FIFA hat noch einen draufgelegt. Neben den horrenden Ticketpreisen und unklaren Zuweisung der Plätze – im ersten Zug kauft man einen nicht klar benannten Sitzplatz auf dem Unterrang, dann wird bei der zweiten Runde die Kategorie der Sitzplätze einfach geändert und man findet sich auf dem Oberrang wieder – geht es um den Zweitmarkt für den Weiterverkauf der Tickets. Dieser Markplatz wird von der FIFA betrieben, um den Schwarzmarkt auszutrocknen. Der BVB z.B. hat das auch, dort werden Tickets ausschließlich zum Originalpreis angeboten zuzüglich einer Servicegebühr von 10%. Bei der FIFA kann man verlangen, was man möchte, der Markt soll das regeln. Und von Käufer und Verkäufer werden 15% Provision verlangt. Die Idee, den Schwarzmarkt zu erschweren, um Spekulationen mit den Tickets unattraktiv zu machen, wurde also einfach übernommen, um abzukassieren. Ein weiteres Ärgernis sind die flexiblen Preise, die sich nach Angebot und Nachfrage richten. Das kennt man von Hotelbuchungen oder Flügen, je höher die Nachfrage, umso teurer wird der Spaß. Allerdings kann man bei der WM nicht auf andere Anbieter ausweichen, die FIFA hat ein Monopol auf die Spiele. Die europäische Verbraucherorganisation Euroconsumers und Football Supporters Europe (FSE) - ein Netzwerk von Fußballfans und Fanorganisationen in über 50 Ländern - haben u.a. wegen dieser Praxis bei der europäischen Kommission Beschwerde gegen die FIFA eingelegt. Die Hoffnung ist, dass sich zumindest bei der WM 2030 in Marokko, Portugal und Spanien, derartiges Gebaren unterbinden lässt. Wer mehr dazu wissen möchte dem empfehle ich den Sportrechtspodcast Liebling Bosman, da wird das Thema in der Folge vom 10. Juni ausführlich besprochen.
4. Der Nationalismus: Deutschlandfähnchen überall, Hupen, Tröten, schlechte Gesänge. Und das noch mitten in der Nacht, furchtbar. „Die Ergebnisse unserer Längsschnittanalysen bestätigen tatsächlich die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit.“ so Professor Dr. Ulrich Wagner der Philipps-Universität Marburg, der mit einer Forschergruppe 2006 eine Studie zu der WM in Deutschland im gleichen Jahr veröffentlicht hat. Aber, nicht jeder der ein Fähnchen schwenkt, ist damit automatisch ein Nazi, wie gerne von der Spezies von Linken reflexartig kolportiert wird, die sich das Jahr über gar nicht um Fußball kümmern und denen jede Form von Fankultur suspekt ist.
5. Machtgeile Männer: Ob Infantino oder Trump, die pompöse Selbstdarstellung ist schwer auszuhalten. Sie lieben nicht den Fußball, sondern ausschließlich sich selbst und baden sich in ihrer patriarchalen Aufgeblasenheit, die medial gefördert wird. Die Verleihung des FIFA-"Friedenspreis" an Trump war ein erbärmliches Schauspiel der Selbstinszenierung, das wohl keinen Fußballfan interessiert hat.
6. Fairness United: Die Ende 2022 aus dem früheren Bündnis #BoycottQatar2022 hervorgegangene Organisation setzt sich für Menschenrechte im internationalen Fußball ein, Hauptprotagonisten sind Bernd Beyer-Schwarzbach und Dietrich Schulze-Marmeling. Der Protest gegen die WM in Katar war richtig und wichtig, gegen die WM in Saudi-Arabien 2034 wird auch schon agitiert. Leider ist der Boykott-Aufruf gegen die jetzige WM aus meiner Sicht an zwei Stellen misslungen. Unter dem altbekannten Motto „Love Football. Hate Fascism" und der Überschrift „#USA2026“ steht da „Der Wille zur Faschisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist eindeutig.“ und die WM solle sich auf „Kanada und Mexiko beschränken“, weil die Menschenrechtssituation in den USA untragbar sein.
Faschismusvorwürfe aus Deutschland gegen andere Länder sind immer schwierig, und dann ausgerechnet Mexiko als Austragungsort zu präferieren ist absurd. Die „Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko “ kritisiert anlässlich der WM das Schweigen zu den über 134.000 verschwundenen Menschen in dem Land: Schuld sind nicht allein die Drogenkartelle, in vielen Fällen sind korrupte Polizeibeamte, Militärs oder lokale Regierungsvertreter direkt in die Entführungen involviert oder arbeiten mit Kartellen zusammen. Wahrlich kein Ort der Demokratie. Aber, ein Aufruf ist immer in Kompromiss, daher lass ich das mal so durchgehen, denn „ich bin ein großer Demokrat“, um Uli Höneß zu zitieren.
Warum ich trotzdem die WM nicht ganz ablehne
Ausgerechnet ein ehemaliger Fußballer des FC 08 Homburg - einem saarländischen Verein, dem ich als Saarbrücker Fan nur das Schlechteste wünsche – der seine einzigen Spiele in der 1. Liga bei diesem Verein absolvierte, hat ein paar kluge Sachen gesagt. Sein Name: Christian Streich. „Es ist ein historisches Ereignis, das die Menschen in deren Heimat zusammenschweißt. Wir können als große Fußballnation, die sich bisher immer für die WM qualifiziert hat, nicht den Anspruch ableiten, nur mit 16 oder 24 spielen zu wollen. Das wäre Herrschaftsdenken der Mächtigen." Die Kritik an der größten WM mit den meisten Spielen rückt vor diesem Hintergrund etwas in den Schatten, ich will ja niemandem den Spaß verderben. Und weiter „Es profitieren eben auch kleine Verbände wie Curacao oder Kap Verde. Über die FIFA-Honorare kommt relativ viel Geld in diese kleinen Verbände, mit dem sie die Jugend fördern sowie die Trainerinnen und Trainer und andere Mitarbeiter besser bezahlen können und das hoffentlich auch tun." Auch hier kann man nicht widersprechen, wenn auch die Hoffnung, dass die Förderung dort ankommt wo sie hingehört, mindestens naiv ist.
Hans Wolf ist Mitarbeiter der Aktion 3.Welt Saar und deren Fußball AG „…in den Lauf“, in dem sich Anhänger verschiedener Clubs tummeln unf die den Boykott-Aufruf zu den USA unterzeichnet hat. Außerdem ist er Principale des Besten 1. FCS-Fanclubs der Welt, der „Tifosi Nobile“.