„Wir gedenken Samuel Yeboah – Kein Schluss-Strich“

Redebeitrag von Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar e.V., bei der Kundgebung am Tatort des Mordanschlages, 19.9.22, Saarlouis

Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar e.V., bei der Kundgebung

Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar e.V., bei der Kundgebung

„Wir gedenken Samuel Yeboah – Kein Schluss-Strich“

Montag, 19.9.22, 18.30Uhr, Saarlouis – Fraulautern, Saarlouiser Straße (Mitte)

Kundgebung am Tatort des Mordanschlages

Redebeitrag von Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar e.V. .

Es gilt das gesprochene Wort

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Vor 31 Jahren wurde an dieser Stelle Samuel Yeboah ermordet.
Ermordet, weil er ein Flüchtling war

Ermordet, weil er sich aus Ghana aufmachte, ein besseres Leben zu suchen

Ermordet, weil er vermeintlich anders war.

 

In den 31 Jahren, die seitdem vergangen sind, fand und findet eine dreifache Leistung statt. Eine dreifache Leistung von veschiedenen Akteuren:

  1. Die erste Leistung
    Heute sind Menschen hier, die damals noch nicht auf der Welt waren oder noch nicht dem Windelalter entwachsen waren. Das ist definitiv eine Leistung, sich all das anzueignen, was sich mit Samuel Yeboah verbindet: Seine Sehnsucht nach einem besseren Leben. Der Mord an ihm. Die Umstände, die den Mord ermöglichten. Es wäre bequemer, sich dies nicht anzueignen. Denn dich trifft keine Schuld. Dass du es anders machst, dafür sage ich danke. Das verdient viel Respekt.

  2. Die zweite Leistung
    Es gab in den letzten 30 Jahren im Wesentlichen drei Organisationen bzw. Milieus, die der offiziellen Lesart widersprochen haben, ihr nicht auf den Leim gingen und die stattdessen kontinuierlich von Mord sprachen: Der Saarländische Flüchtlingsrat, die Antifa Saar und die Aktion 3.Welt Saar. Dreißig Jahre sind wir – ich erlaube mir mal das wir – beschimpft, angepöbelt und ausgegrenzt worden. Nicht wenige NGOs haben sich in der Zeit eine goldene Nase an den staatlichen Fleischtöpfen verdient, weil sie allgemein gegen Rassismus und allgemein für Diversity sind aber eben nie dahin gehen, wo es weh tut. Das könnte den Geldfluss stören.

  3. Die dritte Leistung
    Die dritte Leistung ist genau genommen eine Nicht-Leistung. Und wird aber ob ihrer Geballtheit dann doch zu einer Leistung.
    Es ist die staatliche Leistung des Vertuschens, Verschweigens, Aussitzens. Man zelebrierte sich 30 Jahre lang als weltoffenes Bundesland, als weltoffene Stadt Saarlouis und präsentierte jährlich zum Jahrestag des Mordes wider besseren Wissens aufs Neue die selbst gestrickten Lügen, dass der Mord kein Mord war, dass es keine rechte Szene gab und wenn doch, dass man alles im Griff hatte und man bagatellisierte das Agieren der rechten Szene als Streit zwischen rechts und links. Auch die überlebenden Opfer des Brandanschlages ignorierte man staatlicherseits Das waren 30 Jahre lang nichts anderes als selbst ausgestellte und selbst unterschriebene Urkunden der Unschuld: Staatsversagen auf saarländisch.

Dieser staatlichen Nicht-Leistung haben wir Jahr für Jahr widersprochen. Und stattdessen die Erinnerung an Samuel Yeboah gegen massive Widerstände und Anfeindungen aufrechterhalten.

Und erst dieser jahrelange politische Druck aus unseren Reihen und unsere Nichtbereitschaft, nachzugeben, hat entscheidend dazu beigetragen, dass seit 2020 plötzlich seriös ermittelt wurde. Auch wenn staatliche Stellen dies nicht gerne zugeben. Der Anstoß, genauer gesagt, die Anweisung an die staatlichen Behörden im Saarland kam aus Karlsruhe von der BAW. Nicht aus dem Saarland. In Karlsruhe wurde 2015 der damalige Generalbundesanwalt entlassen und mit Peter Frank ein neuer eingesetzt.

Wir haben uns seitens der Aktion 3.Welt Saar seit 2020 diese Ermittlungen von verschiedenen Standpunkten aus angesehen. Und wir waren überrascht. Zum ersten Mal wird seriös und professionell im Mordfall Yebaoh ermittelt. Und dies auch rückwirkend in den eigenen Reihen. Die beteiligten Polizisten engagierten sich ehrlich für eine Aufklärung. Da bricht mir kein Zacken aus meiner Krone, wenn ich dazu sage: Respekt und Danke .

Jetzt dürfen wir einen Fehler nicht machen: die juristische Aufarbeitung ist das eine – Aber unser Terrain ist die politische Aufarbeitung:

Damals regierte im Saarland die SPD mit absoluter Mehrheit. MP war Oskar Lafontaine, Innenminister war Friedel Läpple.

Lafontaine war einer der Parteipolitiker, der damals schon bundesweit gegen Flüchtlinge stichelte, weil sie ihm nicht deutsch genug waren. Das gleiche machte er später in der Partei Die Linke und nicht wenige jubelten ihm zu oder – was nicht besser war – schwiegen. Für mich gehört der universelle Gleichheitsgrundsatz aller Menschen zu meinem Rüstzeug als Linker Und der macht sich nicht an der Nation fest.

Ein Mensch, der lebt, hat ein Recht gut zu leben, nicht weil er Deutscher, Franzose oder was auch immer ist, sondern weil er ein Mensch ist. Punkt.

Heute regiert im Saarland wieder die SPD – mit absoluter Mehrheit.

Die heutigen SPD Vertreter:innen trifft keine Schuld an dem, was damals geschah. Aber sie sind dafür verantwortlich, ob sie die Politik des Schweigens, Leugnens und Aussitzens ihrer sozialdemokratischen Väter und Mütter weiterführen oder damit brechen.

 

Deshalb fordere ich:

  1. Gebt die Akten frei: Sie werden Auskunft darüber geben, wie gut die Kontakte zwischen der Polizei und der rechten Szene waren. Diese Top Kontakte staatlicher Stellen hatte bereits das BVG Karlsruhe im NPD Verbotsverfahren festgestellt.

  2. Richtet einen parlamentarischen U-Ausschuss ein. Wir sind zur Mitarbeit bereit. Versprochen.

  3. Schafft einen Gedenkort in der Innenstadt von Saarlouis – am Rathaus. Die Tafel stellen wir euch zur Verfügung. Versprochen.

Und ich kündige an: Wir werden weiterhin keine Ruhe geben.


Bilder von der Kundgebung von Kai Schwerdt gibts hier.

Mehr Infos zu Samuel Yeboah


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