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Aktuelles

"Chers amis allemands - Ein Jahr Charlie Hebdo auf Deutsch.“

Ein Kommentar von Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar

Veröffentlicht am 19.12.2017

Roland Röder, Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V. hat einen Kommentar zur Einstellung der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo verfasst. Eine Zeitung, von der er zugegebenermaßen fasziniert ist und sie regelmäßig las. Er erklärt, warum sie keine Satirezeitung ist und wie sie sich der üblichen deutschen Zeitungs- und Ressorteinteilung entzieht. Sie ist halt verstörend anders. In der Jungle World ist eineOpens external link in new window gekürzte Fassung seines Textes erschienen - wir dokumentieren hier die Langfassung.

Chers amis allemands – Ein Jahr Charlie Hebdo auf Deutsch

Von Roland Röder

1 Jahr lang belästigt…Es reicht.“ und „Charlie Hebdo 1 Jahr in Deutschland – 92 Nazis im Bundestag!“ Mit diesen Slogans auf dem Titelblatt und der Innenseite verabschiedete sich die deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo am 30. 11.2017 von ihren deutschen Lesern. Sie erschien seit 1. 12.2016 immer donnerstags und 24 Stunden nach der französischen Ausgabe; zeitgleich mit dieser Zeitung. Und in der Tat, es ist  eine wöchentliche Anstrengung, diese Ansammlung an sozialen, kulturellen, politische Texten zu durchdringen, die sich vor allem durch Respektlosigkeit gegenüber jedweder Form von Obrigkeit und „war schon immer so“ auszeichnete. Eine Anstrengung aber, die sich lohnte. Denn wenn es einen roten Faden durch Charlie Hebdo gibt – dies gilt ebenso für die französische Ausgabe – dann heißt er Universalismus, der stetig und immer seinen natürlichen Feind, den Kulturalismus, bekämpft. „Ohne Universalismus keine Emanzipation des Menschen“, so ließe sich das ungeschriebene Credo der Zeitung beschreiben. In einem Land, in dem viele Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) und ihr Publikum geradezu danach gieren, von einem Minister oder sonstigem Staatsangestellten zwecks Heiligsprechung die Hand auf den Kopf gelegt zu bekommen, war eine solche Zeitung ein ökonomisch gewagtes Unterfangen, was sich am Ende nicht rechnete. „Und wir selbst wussten nicht, wie viele Leser es braucht, damit eine gedruckte Zeitung heute rentabel ist. Zu viele jedenfalls, um unseren Besuch bei Euch zu verlängern.“ so bilanzierte es die unter Pseudonym auftretende Verantwortliche für die deutsche Ausgabe Minka Schneider mit ihrem Kollegen Gérard Biard.

In Deutschland wird sie meist als Satirezeitung tituliert und wahrgenommen, die lustige Zeichnungen veröffentlicht. Bevorzugt von denen, die sie nicht lasen, aber über sie vom Hörensagen Bescheid wussten. Nein, Charlie Hebdo ist keine Satirezeitung. Diese Etikettierung wäre nur, wenn überhaupt, die halbe Wahrheit. Genau genommen viel weniger. Diese Zeitung verweigert sich der klassischen Einteilung von Printmedien in „Politik – Wirtschaft - Soziales – Feuilleton – Sport“. Sie ist eine ganz bestimmte Art, die Welt zu sehen und sich um „das Abwegige, das Eigenartige, mitunter Perverse“ zu drehen. Und ja, natürlich lugt in vielen analytischen Beiträgen über dies und das unvermittelt der Schalk hervor. Ebenso gibt es lange Beiträge zu Politik und Ökonomie, von denen man als Leser enttäuscht wird, wenn man im nächsten Abschnitt und hinter der nächsten gedanklichen Ecke eine ironische Wendung erhofft.

Gesetzt sind in jeder Ausgabe – und garantiert ohne Anflug von Ironie - Themen wie Umwelt, Tierschutz und Landwirtschaft. Hier argumentiert sie stringent mit den Werkzeugen der Aufklärung für weniger Chemieeinsatz in der Landwirtschaft sowie dafür, die Auswirkungen „unseres“ Wirtschaftens, auf „die da unten“ in den Ländern des globalen Südens zu begreifen. Die Melodie dazu spielt der linke universalistische Gleichheitsgrundsatz, den die Zeitung hoch hält. Früher nannte man dies Internationalismus. Gleichzeitig werden die Interessen von Konzernen und den bei ihnen angestellten Parteipolitikern – der französische Umweltminister Nicolas Hulot ist ein häufiger Gast in ihren Spalten -benannt. Charlie Hebdo hat auch ein großes Herz für diejenigen, die bei diesem „normalen Wirtschaften“ unter die Räder kommen, ohne die Gestrauchelten dabei fürsorglich zu erdrücken. Anteilnahme reicht. Gleichzeitig formuliert sie diese Kritik ohne moralischen oder verschwörungstheoretischen Pathos; als Text oder als Zeichnung. Nur manchmal nervt der etwas dogmatische Hang zum Veganismus. Aber so ist es, wenn man die Dogmen von Religionen kritisiert. Abfärben lässt sich nie ganz verhindern. Man sollte nur selbst darüber lachen können. Aber niemand von Charlie Hebdo hatte jemals versprochen, irgendeinem von „uns“ Lesern oder Leserinnen nicht als Nervensäge zu begegnen. Irgendwann sind wir alle dran.

Auch die Kennzeichnung als antireligiös, die in Beschreibungen über die Zeitung gerne verwendet wird, ist mehr als knapp daneben. Sie wehrt sich gegen jedweden Einfluss einer Religion auf das staatliche und öffentliche politische Tun und zwar insbesondere dort und dann, wenn es die Freiheit des Individuums beschneidet. Aber sie spricht sich in ihren 52 deutschen Ausgaben nie pauschal gegen Religionen aus, auch wenn der Islam aus gutem Grund stärker mit dem Nudelholz bearbeitet wird. Eher plädiert sie für Religionsfreiheit als das Recht keine Religion zu haben aber, wenn es denn sein muss, eine haben zu können. Das ist das Gegenteil einer Religionskritik, die das Areligiöse als neue Religion etablieren möchte und sich auf den diffusen linken Glaubens(!)grundsatz beruft, als Linker und Aufgeklärter hätte man per se nichts mit Religion am Hut. Ja richtig, auch Linke können religiös sein oder sich für Fußball interessieren, was vermutlich eine Art Religionsersatz ist. Gut, dass es mal geschrieben wird. Amen.

Dieses journalistische Konzept, das eher einer Lebensauffassung ähnelt, hatte es wie erwartet schwer in einem Land, in dem viele Ironie und Witz erst dann kennen, wenn es die Tagesordnung hergibt. Und die will erst mal verabschiedet werden, was bekanntlich ohne Witz und Augenzwinkern geschieht.

Ein wöchentlicher Genuss ist der Nachdruck der Kolumne „Charles Fatwa Sammlung“ des langjährigen Chefredakteurs Charb (Stéphane Charbonnier), der bei den Anschlägen vom 7.1.2015 von Islamisten ermordet wurde. Vor ihm war nichts sicher: Zum Beispiel die widerlichen Rollkoffer, die einem in Bahnhöfen und Innenstädten jede Akustik versauen; oder die dämlichen Werbekalender. In der letzten Ausgaben stand von ihm ein pathetisches Plädoyer für mehr Empörung gegenüber religiösem Fanatismus: „Die Laizität hat einen Arsch in der Hose, der breit genug ist, um sich auf dieses Ungeziefer zu setzen und es zu zerquetschen.“ Oh, das ist aber jetzt radikal formuliert. Ja, radikal für das Leben und die Freude am Leben.

Premium sind die zeichnerisch und mit spartanischen sprachlichen Anmerkungen protokollierten Gerichtsverhandlungen, in denen es meist um schmerzhafte Konflikte unter den weniger Betuchten geht. Diese Bildgeschichten mit ihrer dichten Beschreibung sorgten für eine Qualität jenseits der leichten Wiedererkennbarkeit der unvermeidlichen und doch austauschbaren Hollande, Macron, Merkel, Schultz, Erdogan, Trump und wie sie alle heißen mögen.

In diesem Sinne, bye bye Charlie Hebdo, es lebe Charlie Hebdo. Ich möchte keine der 52 deutschen Ausgaben missen. Der Schritt aus Paris über den Rhein war ein kleiner Schritt für Charlie Hebdo, aber ein großer für die Menschheit.


 

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