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Aktuelles

Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck - Afrikabilder in Kinderbüchern

Beiträge der Aktion 3.Welt Saar in Saarbrücker Hefte 122

Veröffentlicht am 08.01.2021

Saarland kolonial
ist einer der Schwerpunkte der neuen Nummer der  Saarbrücker Hefte (Nr 122, Dezember 2020). Dafür hat unser Geschäftsführer Roland Röder einen Artikel zum Kolonialmiltär Paul von Lettow-Vorbeck (geboren in Saarlouis) und Gertrud Selzer aus unserem Vorstand einen Artikel zu Afrikabildern in Kinderbüchern geschrieben.

 

 

 

 

Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck
Eine Spurensuche in seiner Geburtsstadt Saarlouis

Von Roland Röder

In Saarlouis hat man jahrzehntelang den deutschen Kolonialmilitär General Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) verehrt. An seinem Geburtshaus in der Silberherzstraße, die zur Fußgängerzone gehört, prangte bis Mitte 2010 eine martialische Inschrift mit Verweis auf den ritterlichen und unbesiegten „Verteidiger“ Deutsch-Ostafrikas im Weltkrieg 1914-1918. Nachdem die Proteste gegen diese Militarisierung des Alltags zu viel Wirkung entfalteten und dem Image der „weltoffenen Stadt“ zu schaden drohten, begann man, ihn einfach aus dem Stadtbild auszuradieren – so, als wäre nie etwas gewesen. Auch auf der Internetseite findet sich Lettow-Vorbeck nur noch in Spurenelementen wieder. Heute möchte man nicht mehr an ihn erinnert werden. Besonders bitter: Nach einer jahrelangen Huldigung des Massenmörders verweigert man bis heute in Saarlouis den über hunderttausend Opfern seiner Politik in Afrika und in Deutschland jedwede Erinnerung.

Paul von Lettow–Vorbeck: Kolonialmilitär, Demokratiefeind, Mörder

Der Kolonialmilitär, Feind der Demokratie und hunderttausendfache Mörder von Menschen im heutigen Namibia (Deutsch-Südwestafrika) und im heutigen Tanzania (Deutsch-Ostafrika) wurde am 20.3.1870 in Saarlouis geboren. In der kaiserlichen Armee machte er zügig Karriere. 1900 und 1901 war er als Adjutant an der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China beteiligt – unter anderem wurden dort gefangene Aufständische erschossen. Als Belohnung wurde er zum Hauptmann befördert 1904 meldete er sich freiwillig und war in Namibia, als Adjutant des deutschen Befehlshabers, General Lothar von Trotha, an der Ermordung von über 60.000 Männern, Frauen und Kindern der aufständischen Herero und Nama beteiligt; einem organisierten Völkermord. Im I. Weltkrieg „verteidigte“ er Deutsch-Ostafrika – in etwa das heutige Tanzania – gegen britische Truppen. Dabei rekrutierte er einheimische Zwangsarbeiter (Askari), die seinen Truppen als Träger dienen mussten. Wer nicht wollte, wurde durch Waffengewalt gefügig gemacht.


Der »heldenhafte« und »unbesiegte, ritterliche Verteidiger« Deutsch Ostafrikas
(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H27605)

Vollends zum Mythos wurde er, als er am 2.März 1919, wenige Monate nach Ende des I. Weltkrieges, hoch zu Ross und „im Felde unbesiegt“, durch das Brandenburger Tor ritt. In der Folgezeit bekämpfte er die Weimarer Republik mit der Waffe in der Hand und schlug die so genannte „Sülzeunruhe“ – de facto war es ein Aufstand Hungernder – in Hamburg im Auftrag von Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) militärisch nieder. Er schränkte die Meinungsfreiheit ein, ließ Gewerkschaftshäuser schließen, Reden von Kommunisten durch Waffengewalt verhindern, setzte Kriegsgerichte ein und verhängte Todesstrafen. Im September 1919 meldete er seinen Auftrag als erfüllt. Wenige Monate später, 1920, beteiligte er sich am ultrarechten Kapp-Lüttwitz Putsch – als Kommandeur der Reichswehrbrigade 9 in Schwerin. Bereits früh trommelte er in der Weimarer Republik publizistisch für die Wiedereroberung der Kolonien, die Deutschland im Zuge des Versailler Vertrages „verlor“. Die wichtigste Propagandaschrift war sein Jugendbuch „Heia Safari“ von 1920 (vgl. Gertrud Selzer: AfrikaBilder in Kinderbüchern, S. 38).

Dem NS-Regime war er mit seiner regen Vortrags- und Publikationstätigkeit ein willkommener Kolonialpropagandist. Mit einem „im Felde unbesiegten“ deutschen General ließ sich massenwirksam gegen den Frieden von Versailles agitieren. Als Dankeschön wurde er 1939 von Hitler zum General z.b.V. (zur besonderen Verwendung) ernannt. Dabei war er nie Mitglied der NSDAP, durch Kritik oder Widerstand jedoch fiel er auch nicht auf. Als bürgerlichem Deutschnationalen war die NSDAP ihm schlichtweg zu prollig. Hinzu kam, dass die Nazis andere geographische Kriegsziele hatten. Wie sehr ihm die Träger des preußischen Militarismus noch in der BRD die Treue hielten, zeigte sich bei seinem Tode 1964: Die Bundeswehr organisierte ein Begräbnis mit militärischen Ehren, hielt die Totenwache und ließ ihr Musikkorps aufspielen.  Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) hielt die Grabrede und nannte ihn „ein Leitbild für die jungen Generationen”.


Lettow-Vorbeck (rechts) als Manövergast im Kreise von Wehrmachtsgenerälen 1935
(Foto: Archiv Aktion 3. Welt Saar e.V.)

Saarlouis – seine Geburtsstadt liegt ihm zu Füßen
    
Nach dem II. Weltkrieg begann sein medialer wie politischer Siegeszug in Saarlouis. Bis zu seinem Tode besuchte Lettow-Vorbeck seine Geburtsstadt meist jährlich, nach einem Jagdausflug im Hunsrück. Man ernannte ihn 1956 zum Ehrenbürger und erfreute den General bei Besuchen mit seinem Lieblingsgetränk, schwarzem Johannisbeersaft. Als die Stadt am 20. März 1970 den 100. Geburtstag Lettow-Vorbecks feierte, kamen 800 Gäste zu einer Feierstunde zusammen. Der damalige Bürgermeister Dr. Manfred Henrich (SPD) sagte: „Uns Heutigen mag Lettow-Vorbeck als ein Mann in Erinnerung bleiben, der sich in unwandelbarer Weise stets treu geblieben ist, der heldenmütig, fair und großmütig war und deshalb auch von seinen Gegnern geachtet wurde.“ Kurios, aber historisch nicht wirklich überraschend, ist die aktive Beteiligung von Sozialdemokraten an den Ehrungen von Lettow-Vorbeck, obwohl er selbige militärisch(!) bekämpft hatte.

Nachdem es seit den 1980ern immer wieder vereinzelte Proteste gab – 1991 wurde die für die Lettow-Vorbeck-Brücke neu erbaute Brücke nach Peter Neis (1908-1936 BM, Fraulautern) benannt – gelang es der Aktion 3.Welt Saar e.V. ein breites Bündnis unter Einbeziehung von parteinahen Stiftungen (Stiftung Demokratie Saar, Heinrich Böll Stiftung Saar, Rosa Luxemburg Stiftung Saarland) auf die Beine zu stellen und eine vierseitige Flugschrift in der Saarbrücker Zeitung und der taz zu verteilen. „Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck. Vom Kaiser geehrt, vom Führer geliebt - Ein Beitrag zur deutschen Kolonialgeschichte“, so der Titel der Flugschrift, war eingebettet in eine bundesweite Kampagne zum Thema Postkolonialismus. Die lokal prägenden Medien, Saarländischer Rundfunk und Saarbrücker Zeitung, berichteten journalistisch differenziert über die Proteste. Kaum jemand wollte sich noch öffentlich hinter Lettow-Vorbeck stellen. Die breiten wie professionellen Proteste gegen Lettow-Vorbeck ließen den Preis für seine weitere Glorifizierung, einen beträchtlichen Imageschaden nämlich, zu hoch werden.

So wurde Mitte 2010, leise und diskret, die bis dato an seinem Geburtshaus prangende Tafel abgehängt. Sie trug die martialische Inschrift: „Der unbesiegte, ritterliche Verteidiger Deutsch-Ostafrikas im Weltkriege 1914-1918 General Paul von Lettow-Vorbeck wurde am 20.3.1870 in diesem Hause geboren.” Unter einem eisernen Relief von Lettow-Vorbeck ist seitdem zu lesen: „Geburtshaus von / General Paul Lettow von Vorbeck / 1870 - 1964“. Ebenso still fand die Umbenennung der Paul von Lettow-Vorbeck-Straße statt. Sie wurde zweigeteilt in Walter-Bloch-Straße (vor den Nazis emigriert, nach der Rückkehr 1946-1949 Bürgermeister) und in Hubert-Schreiner-Straße. Unter selbigem Bürgermeister Schreiner wurde Lettow-Vorbeck 1956 zum Ehrenbürger ernannt. Ein bisschen Lettow-Vorbeck bleibt so doch erhalten – Vergangenheitsbewältigung à la Saarlouis.

Vorschläge für eine zeitgemäße Erinnerungskultur

Auf der Grundlage eines humanistischen Weltbildes drängen sich vier Forderungen auf:
1. Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Lettow-Vorbecks durch die Stadt Saarlouis.
Auch wenn sie formal mit seinem Tode erloschen sein mag, wäre dies ein politisches Bekenntnis des Stadtrates gegen den Militarismus und die Demokratiefeindlichkeit eines Lettow-Vorbecks.
2. Anbringen einer Gedenktafel an seinem Geburtshaus, mit der seiner Opfer gedacht wird. Auch Menschen in Afrika haben Namen und Würde. Andernfalls würde führt das koloniale Klischee von unmündigen AfrkanerInnen, die Statisten ihrer eigenen Geschichte sind und für die weiße Helden sprechen, fortgeführt.
3. Korrektur der städtischen Öffentlichkeitsarbeit inklusive Webseite und Stadtführungen.    
4. Einrichtung einer offenen und wissenschaftlich begleiteten Arbeitsgruppe mit dem städtischen Auftrag, Vorschläge für die pädagogische Aufarbeitung an Schulen zu erarbeiten.

Jeder dieser Vorschläge bedeutet eine Abkehr von der bisherigen „Politik“: Teppich hoch, Unangenehmes drunter kehren und mit Unschuldsmine verkünden: „Da war doch nichts. Wir wissen von nichts. Wir sind doch eine weltoffene und tolerante Stadt. Unseren BesucherInnen präsentieren wir eine historisch widerspruchsfreie Kulisse.“ Nun denn, eine ehrlich gemeinte und historisch seriöse Aufarbeitung der eigenen Geschichte, inklusive der eigenen Verstrickungen, sieht anders aus.

Lesetipp:
»Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck. Vom Kaiser geehrt, vom Führer geliebt« Flugschrift der Aktion 3.Welt Saar e.V., eine kurze und knappe
Zusammenfassung.

Der Autor ist Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V. und war an den Protesten gegen die Glorifizierung von Lettow-Vorbeck aktiv beteiligt. Er nimmt an Diskussionsrunden zum Thema teil; mail@a3saar.de

www.a3wsaar.de

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Afrikabilder in Kinderbüchern
Warum Kinderbücher nie unpolitisch sind

Von Gertrud Selzer

Kinder- und Jugendbücher spielen eine wesentliche Rolle bei der Konstruktion und Reproduktion von Weltbildern. Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hatten sie eine mobilisierende Funktion und sollten vor allem die männliche Jugend auf den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg einstimmen. In diesem Kontext ist auch das Jugendbuch „Heia Safari“ von General Paul von Lettow-Vorbeck anzusiedeln.

Der ritterliche und abenteuerliche Krieg

General Paul von Lettow-Vorbeck war von 1914 bis 1918 Kommandant der Deutschen Schutztruppe in Ostafrika. 1920 erschien sein Buch „Heia Safari – Deutschlands Kampf in Ostafrika; Der deutschen Jugend unter Mitwirkung seines Mitkämpfers Hauptmann von Ruckteschell“. In erster Linie ist es ein Kriegsbericht und eine Propagandaschrift gegen England. Er lobt in seinem Buch die treuen und mutigen Askari (einheimische Zwangsarbeiter der Lettow-Vorbeck-Truppe), die froh sind, auf Seiten der Deutschen zu kämpfen. „Die Deutschen haben strenge Worte, aber ein gutes Herz, die Engländer haben freundliche Worte, aber ein schlechtes Herz“, legt er einem Askari in den Mund. Er beschreibt in dem Buch seitenlang, wie ritterlich und abenteuerlich ein Krieg doch sein könne – und das nach der Erfahrung von Verdun und dem Gaskrieg in Europa. Das Buch erschien bis 1952 in neun Auflagen und wurde 1937 in die Grundliste für Schülerbüchereien aufgenommen. Insgesamt erschienen 281.000 Exemplare. In dem 1953 erstmals veröffentlichten Liederbuch „Mundorgel“ war, noch bis zur Neubearbeitung im Jahr 2001, das Lied „Wie oft sind wir geschritten“ aus dem Jahr 1921 abgedruckt. Es spiegelt Lettow-Vorbecks romantischen Kolonialmythos wider, inklusive untergebener und treuer Askari. Der Text ist von H. A. Aschenborn und die Melodie von Robert Götz, der auch viele NS-Lieder komponierte. Im „Bettelmusikant“ (Voggenreiter Verlag) ist das Lied auch 2006 noch abgedruckt, ebenso wie im „Liederbuch der Fallschirmjäger“ (Hrsg. Bund deutscher Fallschirmjäger, erschienen 1983 im Selbstverlag)

Werbung für die Wiedereroberung der Kolonien

Nach dem Verlust der Kolonien wird in den meisten Jugendbüchern versucht, die Erinnerung an die gewonnen Kämpfe in Afrika aufrecht zu erhalten und damit die Niederlage des Ersten Weltkrieges zu kompensieren. Die Kinderbücher warben für eine Wiedereroberung der Kolonien. Weit verbreitet waren die „Wiete“-Bücher von Else Steup (Steup 1936; 1938). Im ersten Band erzählt sie von einem Mädchen, das in einer deutschen Kolonialschule ausgebildet wird, um im Ausland Deutschland zu repräsentieren. In Band zwei lebt Wiete dann bei Farmern in Deutsch-Südwest- und in Deutsch-Ostafrika. Das Buch wirbt, genau wie „Mädels im Tropenhelm“ (Diel 1942), für den deutschen kolonialen Gedanken. Die Bücher waren angesiedelt im national-rechten Milieu der Weimarer Republik, das den Versailler Vertrag und die dort festgelegte Rückgabe der Kolonien als nationalen Verlust empfand.

Diese Art Literatur war in der BRD bis in die 60er Jahre verbreitet (Anders in der DDR, aber das führt hier zu weit). Die alten Expeditionsberichte wurden immer wieder neu aufgelegt. Das Buch „Der Schatz des Halim Pascha“ (Mader 1954) ist eine gekürzte Fassung des Buches „Ophir“ von 1911. Friedrich Wilhelm Mader vermittelt die nationalistisch-imperialistischen Ideen des deutschen Kaiserreiches (Mader 1961). Für die 50er Jahre ist Ilse Friedrich zu nennen. In „Mädchen im Tropenhelm“ schreibt sie noch 1953 von „Deutsch-Ostafrika“ (Friedrich 1953), während in „Alle Tage Afrika“ drei weiße jugendliche Helden spannende Jagden mit einem Großwildjäger erleben (Friedrich 1954).

Rechtfertigung der Unterdrückung

Dieser Einblick zeigt, dass sich die politischen Verhältnisse im scheinbar unpolitischen Kinder- und Jugendbuch widerspiegeln und sich die Bilder, die von Afrika vermittelt wurden, änderten; je nach politischer Großwetterlage und nationaler Politik. Die anfangs positiven Wahrnehmungen von AfrikanerInnen veränderten sich mit Beginn des deutschen Kolonialstrebens. Die in den Jugendbüchern formulierten rassistischen Darstellungen dienten der Rechtfertigung des Kolonialismus und der Unterdrückung und Ausbeutung der AfrikanerInnen. 1893 wehrten sich die Nama unter Hendrick Witbooi gegen die Herrschaft der Deutschen in Südwestafrika. Höhepunkt der Widerstandsbewegung ist der Herero-Befreiungskampf unter Samuel Maharero (Morenga) 1904. Von etwa 80.000 Herero überlebten nur knapp 15.000 die blutige deutsche Repression. Dieser gezielte Vernichtungskrieg wurde in Abenteuerbüchern glorifiziert: Der Jugendroman „Peter Moors Fahrt nach Südwest“ (Frenssen 1906) war eines der meistgelesenen Jugendbücher der Kaiserzeit. Deutschland müsse sich in Afrika bewähren und gegen die anderen imperialistischen Mächte beweisen, so der Tenor. Diesem Roman gelang es, die unerfüllten Wünsche von Jugendlichen mit einer nationalen Utopie zu verknüpfen.

Afrika war in den Siedlerromanen das Land der großen Abenteuer und Freiheit, insbesondere für deutsche Frauen. Es versprach eine Flucht aus dem engen sozialen und patriarchalen Korsett in Europa. So warb koloniale Kinderliteratur Frauen und Mädchen für die Kolonien. Zu dieser staatlich gewünschten Kolonialpropaganda gehörten auch die sogenannten Heftchenromane sowie die kolonialen Werbebildchen, die damals extrem weit verbreitet waren. Diese Kolonialsammelbildchen trugen zur Herausbildung von Bildstereotypen bei, die bis heute bestehen.

Bilder im kollektiven Gedächtnis

Diese kolonialistischen Bilder Afrikas haben, bewusst wie unbewusst, unser kollektives Gedächtnis geprägt und sind heute noch deutungs- und handlungsmächtig. Das zeigt sich in unserem Reden über Afrika oder auch in der Debatte um das Abenteuermuseum in Saarbrücken (2009), die von der Saarbrücker Zeitung wie vom Saarländischen Rundfunk dokumentiert ist. Die ernüchternde wie erschütternde Aktualität eines Afrikabildes mit seinem subtilen Rassismus und Überlegenheitsgebaren trat mal mehr, mal weniger offen zutage.


Afrika, das Land der Abenteuer und Freiheit: Kolonialschulen- und Literatur werben Frauen für die Kolonien. Eine Illustration aus »Schwere
Zeiten. Schicksale eines deutschen Mädchens in Südwestafrika« von Elise Bake.

Das Museum wurde 1980 von Heinz Rox-Schulz gegründet, war lange im Saarbrücker vhs-Gebäude untergebracht und wurde 2004 wegen Raumbedarf geschlossen. Rox-Schulz, der sich als „Abenteurer“ und „pazifistischer Kosmopolit“ sah, präsentierte dort u.a. eine Mumie und mehrere Schrumpfköpfe. Er wirkte wie ein netter und schrulliger Einzelgänger, der es gut meinte und „uns“ – darunter auch viele Schulklassen – „fremde Kulturen“ nahebringen wollte. Dabei bediente er die kolonialen Klischees, die sich längst im deutschen Alltagsbewusstsein und im kollektiven Gedächtnis wohnlich eingerichtet hatten: Menschen im globalen Süden – Afrika, Südamerika, Asien – sind kulturell interessant und haben den weißen Globetrotter zu bestaunen. Vor allem, wenn er wie im Falle Rox-Schulz akrobatische Kunststücke vorführt. Eine eigene Stimme, Namen oder gar eine eigene Geschichte haben sie jedoch nicht. Es fehlte jegliche Einbettung der Exponate in einen kulturellen und historischen Zusammenhang.

Die kommunale Debatte zur (Nicht-)Weiterführung des Museums war nur mit Schmerzen zu ertragen. Während die SPD es überwiegend beibehalten wollte, erinnerte Die Linke mit ihrer Idee, das komplette Museum – also auch die Mumie und die Schrumpfköpfe – neben den Tieren im Gondwana Park aufzubauen, an die kolonialistischen Hagenbeckschen Völkerschauen (1874 bis 1940). Immerhin zeigten CDU und Grüne zivilisatorische Einsicht und wollten die Exponate einem professionellen Museum zur Verfügung stellen, was die Möglichkeit geboten hätte, sie wissenschaftlich unter Einhaltung aktueller ethischer Standards aufzuarbeiten. Seitens der Aktion 3.Welt Saar e.V. haben wir diese Idee damals begrüßt. Passiert ist bis heute nichts.

Noch am 15. Januar 2019 druckt die Saarbrücker Zeitung unkommentiert ein Foto aus der „Sammlung Rox-Schulz“ von 1958 ab. Es zeigt einen Einbaum, in dem zwei Menschen sitzen: Ein namenloser Indianer und – deutlich erhöht – der weiße „Abenteurer“ Rox-Schulz in kolonialistischer Pose. Wegen dieser offensichtlichen Hartnäckigkeit kolonialer Weltbilder ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, eine kritische Reflexion kolonialer Bilder erlernen.

Lesetipp:
»Afrika ist schwarz. Wirklich? AfrikaBilder in Kinderbüchern – eine kritische Reflexion« Flugschrift der Aktion 3.Welt Saar e.V., 2014, u.a. als
Beilage in taz und Jungle World.
 
Die Autorin ist selbstständige Buchhändlerin und Vorstandsmitglied der Aktion 3. Welt Saar e.V. Sie arbeitete an der Flugschrift "Afrika ist schwarz. Wirklich? - AfrikaBilder in Kinderbüchern - eine kritische Reflexion" mit. Dort finden sich ausführliche Literaturangaben. Zum Thema des Artikels bietet sie Vorträge an: www.a3wsaar.de.

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Die beiden Artikel können hier auch als PDF abgerufen werden.

 

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