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Aktuelles

Soziale Bewegungen gehören zum Saarland - Staatliche Archive müssen dies dokumentieren

Gemeinsame Erklärung der Aktion 3.Welt Saar e.V. und der Rosa Luxemburg Stiftung Saarland / Peter Imandt Gesellschaft

Veröffentlicht am 19.06.2017

Opens external link in new windowSR2- Interview mit Stefan Frank, Aktion 3. Welt Saar vom 19.6.2017: "Archivarbeit ist die Voraussetzung für geschichtliche Aufarbeitung"

Pressemitteilung
19. Juni 2017 / Nr. 13

Saarbrücken. Im Saarland gibt es kein öffentliches Archiv, das sich der strukturierten Sammlung von Dokumenten aus den sozialen Bewegungen widmet. Auch bundesweit betrachtet hat das archivarische Engagement der sozialen Bewegungen - von Ausnahmen abgesehen - Projektcharakter ohne Aussicht auf Dauerhaftigkeit. Seitens der Aktion 3.Welt Saar e.V., der Rosa Luxemburg Stiftung Saarland / Peter Imandt Gesellschaft regen wir an, eine Sammlung von Archivgut aus den sozialen Bewegungen zu etablieren. Wir sind bereit, uns in diesen Prozess einzubringen und darüber hinaus, Archivalien aus unserer bewegten Geschichte zur Verfügung zu stellen.

Der Kampf gegen die Notstandsgesetze in den 60er Jahren, die Anti-AKW-Bewegung der 70er/80er sowie die Friedensbewegung der 80er Jahre sind längst Geschichte. Andere Themen, wie z.B. der Protest gegen die „Festung Europa“ oder der Krieg rund um die kurdischen Gebiete im Irak, in Syrien und der Türkei, sind brandaktuell, haben aber in mehr als dreißig Jahren Spuren hinterlassen, die einer eingehenden Betrachtung wert sind.

Der dokumentierte Bürgerprotest und soziale Bewegungen lassen sich nur sporadisch in saarländischen Archiven antreffen. Die Saarländer, ein unkritisches Volk? Vielmehr liegt es wohl daran, dass linker Protest zum Beispiel bis Ende der 60er unter den Verdacht fallen konnte, gegen das KPD-Verbot zu verstoßen. Entsprechend haben viele der damaligen Akteure möglichst wenig aufgeschrieben oder aufbewahrt. Viel Wissen ging so unwiederbringlich verloren. Ähnliche Konsequenzen hat beispielsweise das PKK-Verbot in Deutschland seit Ende 1993, das bis heute auch tausende Kurden im Saarland betrifft.

Und auch einige saarländische Archive haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. So verschwanden unerklärlicherweise über 90 Prozent der Entnazifizierungsakten. Dokumente, die womöglich alte Nazis belastet hätten. Keine vertrauensvolle Grundlage, dass Nazigegner die Dokumente bürgerschaftlichen Engagements in die Hände von saarländischen Archivaren gelegt hätten. Doch heute ist eine neue Generation von Archivaren im Amt, die sich bemüht, das Gedächtnis eines Landes nicht nur mit Beständen von parteipolitisch Handelnden oder der Verwaltung aufzubessern, sondern denen auch ehrenamtliches Engagement willkommen ist, obwohl diese gegen die herrschende Politik gerichtet war.

Aber auch NGOs haben Ihren Anteil an der fehlenden Archivierung außerparlamentarischer Auseinandersetzungen. Wer kennt es nicht: Politische Aktionen planen, sie durchführen und sich freuen, wenn die Medien darüber berichten. Am Ende bleibt für Erledigtes meist nur der Papierkorb. Nur die wenigsten NGOs legen einen Fundus an, der später in ein Archiv kommt und damit Chancen hat, die Nachwelt zu bereichern. Der Verband deutscher Archivare sagte 2016: „Politisch gesehen ist die Demokratie ohne Protest, Widerstand und Utopie nicht zu verteidigen und zukunftsfähig zu erhalten. Die Demokratie lebt nicht allein von ihren Institutionen und Regeln, sie lebt insbesondere auch vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger außerhalb der Institutionen, Verbände und Parteien. Und sie lebt auch vom begrenzten Regelbruch und dem Ausprobieren neuer Ideen.“

Anlässlich eines Vortrags der Rosa Luxemburg Stiftung und Aktion 3. Welt Saar berichtete Bernd Hüttner, Bremen, über das von ihm ins Leben gerufene, ehrenamtlich verwaltete „Archiv der sozialen Bewegungen“, um Vergangenes zu bewahren. Selbst wenn linker Protest verglichen mit den 60/70er Jahren heute anders stattfindet, sollen vor allem die Nachkommenden die Gelegenheit erhalten, von den einstigen politischen Auseinandersetzungen zu erfahren. Da man seinerzeit kein Internet kannte, waren es vor allem Plakate, Flugblätter, Magazine: kurz Druckerzeugnisse, die ihre Wirkung entfalten sollten. Auch Sitzungsprotokolle künden vom Niveau damaliger Diskussionen in den Organisationen und deren Leitungen. Nicht selten war man sogar staatlichen Repressionen ausgesetzt, die sich in Berufsverboten oder der Observierung durch den Verfassungsschutz zeigten.

Da es im Saarland keine ähnliche Initiative zur Bewahrung dieser - meist linker - Geschichte gibt, rufen Aktion 3. Welt Saar e.V., Rosa-Luxemburg-Stiftung, Peter-Imandt-Gesellschaft die fleißige Dokumentensammler dazu auf, ihre Bestände nicht durch unvorhergesehene Umstände der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, sondern sich rechtzeitig mit den Archiven in Stadt, Kreis und Land in Verbindung zu setzen und abzugeben.

Kommunen, Kreise und Land sind angehalten Vorsorge zu treffen und bei den Akteuren vor Ort hierfür zu werben. Dazu müssten die insgesamt spärlichen Archivmittel aufgebessert werden. Denn ein kollektives Gedächtnis kann nicht einseitig funktionieren. Schließlich gehören soziale Bewegungen ebenso zum Saarland wie die Saarschleife oder das Saarbrücker Schloss.

Die Aktion 3.Welt Saar e.V. und die Rosa Luxemburg Stiftung Saarland / Peter Imandt-Gesellschaft veranstalteten am 18. Mai 2017 die Opens internal link in current windowVeranstaltung:Irgendwas mit Archiv: Verlieren soziale Bewegungen ihr Gedächtnis? mit Bernd Hüttner vom Archiv der sozialen Bewegungen, Bremen

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