Gemeinwohl-Ökonomie- Chancen und Grenzen

Vorträge von Christian Felber und Lothar Galow-Bergemann, 25.3.2011, Saarbrücken.

In gesellschaftlichen Krisenzeiten boomen Wunderheiler, Marienerscheinungen, Spekulantenkritik und sonstige einfache Welterklärungskonzepte. Die Gemeinwohlökonomie ist ein Beispiel. Zwei Angebote zur Entzauberung:

1.) Hier geht es zur PDF-Datei Kritischen Intervention von Lothar Galow-Bergemann, Aktion 3.Welt Saar, (Stuttgart)


2.) Stellungnahme von Hans Wolf, Vorstandsmitglied der Aktion 3.Welt Saar, zum Vortrag und Interview mit Christian Felber über das Konzept der "Gemeinwohlökonomie". Die Aktion 3.Welt Saar war Mitveranstalterin und vertrat im Podium eine kritische Position:

Das Modell der Gemeinwohlökonomie ist sicherlich gut gemeint und entspringt idealistischen Motiven, aber es enthält mehrere grundlegende Defizite, die der Referent bei seinem Vortrag in Saarbrücken ausblendete.

So handeln alle Marktteilnehmer – Individuen, Firmen, Verbände, Organisationen aber auch der Staat – nach Interessen. Leider sind diese Interessen nicht immer auf das allgemein Gute ausgerichtet und widersprechen sich auch mitunter. Eine Verhaltensänderung der Wirtschaft mit Appellen an das Gute im Menschen zu verknüpfen, wie Felber dies tut, die vorhandenen Interessen aber auszublenden, ist idealistisch und wird ins Leere laufen. Für mich verweist die Debatte zur so genannten Gemeinwohlökonomie auf ein Bedürfnis, dem eigenen diffusen Unbehagen über die Zustände der Welt Ausdruck zu verschaffen und sich für das Gute einzusetzen. Dies ist zweifellos legitim, aber es hat nichts mit einer seriösen Analyse und einem ernsthaften Ringen um mehr Verteilungsgerechtigkeit oder nachhaltiges Wirtschaften zu tun.

Letztlich ist die Diskussion zur Gemeinwohlökonomie ein alter Hut. Die gesamte Debatte im Rahmen der Gründung von selbstverwalteten Betrieben seit den 70er Jahren stellt ein Spiegelbild dieser Diskussion dar. Wer heute über Gemeinwohlökonomie redet, aber wie Christian Felber keine Auseinandersetzung über das Scheitern des gesamtgesellschaftlichen Ansatzes der selbstverwalteten Betriebe führt, will sich nicht unangenehmen Realitäten stellen.

Statt das Rad ständig neu zu erfinden, gibt es eine einfache Alternative die bereits jetzt gangbar ist: Arbeitszeitverkürzung. Menschlicher Erfindergeist hat recht Vernünftiges hervor gebracht, was die alltägliche Plackerei erheblich mildern könnte. In immer kürzerer Zeit wird immer mehr produziert. Gemessen an der enormen Arbeitsproduktivität wären heute 20 Stunden-Woche, drei Monate Urlaub und Rente mit 50 problemlos für alle machbar. Dies wäre eine Wirtschaftspolitik für's Gemeinwohl, die sich von dem unausgereiften Konzept einer "Gemeinwohlökonomie" positiv abhebt. 

 

Aus der Veranstaltungsankündigung:

GRENZEN DES WACHSTUMS & DES PROTESTES

Die Aktion 3.Welt Saar hat das Projekt "Grenzen des Wachstums" gestartet. Sie bietet verschiedene Vorträge und Veranstaltungen an, die sich kritisch mit der oft unhinterfragten Annahme beschäftigen, "wir" brauchen mehr Wachstum um glücklich zu sein. Umgekehrt werden in dem Projekt auch die Fallstricke und Defizite des Protestes heraus gearbeitet. Nicht jeder Alternativvorschlag ist per se gut, weil er sich von dem Althergebrachten distanziert. Am Ende heißt es dann frei nach den Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als Wachstum findest du überall. Das Projekt wird unterstützt vom Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr des Saarlandes.

Im Rahmen des Projektes "Grenzen des Wachstums" referiert Lothar Galow Bergemann am 25.3. 2011 in Saarbrücken zu den Grenzen und Defiziten des Konzeptes der "Gemeinwohl-Ökonomie"

Vortrag von Christian Felber (Bestseller-Autor und Mitbegründer von Attac Österreich) und Lothar Galow Bergemann (Aktion 3.Welt Saar, Stuttgart)

"Gemeinwohl-Ökonomie - Ein Wirtschaftsmodell der Zukunft"

Freitag, 25. März 2011, 17:30 Uhr

Arbeitskammer des Saarlandes, Großer Saal,
Fritz-Dobisch-Str. 6-8,
66111 Saarbrücken

VeranstalterInnen: Attac-Saar in Zusammenarbeit mit Bredebusch Institut für Kommunikation und Kompetenz, Stiftung Demokratie Saarland, Atelier Europa, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, Aktion 3. Welt Saar, Koordination Saarländischer Arbeitsloseninitiativen, Netzwerk Entwicklungspolitik Saar, Tierversuchsgegner Saar e.V.

Felbers Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Versuch, die Widersprüche aufzulösen, die in unserem derzeitigen Wirtschaftssystem zu den bekannten Krisen geführt haben. So wird z.B. unternehmerischer Erfolg nicht mehr am Gewinn gemessen, sondern am Beitrag zum Gemeinwohl, der für die Gesellschaft und die Umwelt erwirtschaftet wird. Ebenso räumt Felber mit der Vorstellung auf, dass Konkurrenz die beste Motivation ist, um wirtschaftlichen Erfolg zu garantieren. Dabei stützt er seine Argumentation auf aktuelle Studien. Diese bescheinigen einem kooperativen Wirtschaftssystem mehr Erfolg und Dynamik. Seit Erscheinen des gleichnamigen Buches im Herbst 2010 ist die Zahl der unterstützenden Unternehmen auf über 220 gewachsen, darunter auch schon drei aus dem Saarland. Damit diese Zahl steigen kann, wird es an dem Abend sowohl für Privatpersonen, als auch für Organisationen, PolitikerInnen sowie für Unternehmen die Möglichkeit geben, sich als UnterstützerIn einzutragen.

Nach dem Vortrag von Christian Felber wird es eine kritische Intervention von Lothar Galow-Bergemann, Aktion 3.Welt Saar, (Stuttgart) geben, die die nicht unerheblichen Defizite der Gemeinwohl-Ökonomie benennt:  Denn wenn sich das gute Leben für alle mittels hehrer Werte realisieren ließe, wäre es schon längst da. Ein paar "profitgierige Machthaber" sind genauso wenig an allem Schuld, wie Profit "Mittel zum guten Zweck" sein kann. Das Problem heißt Marktwirtschaft, denn sie funktioniert nicht ohne Maximalprofit und Wachstumswahn. Nur wenn sie überwunden wird, kann eine humane Gesellschaft entstehen, so die Position von Lothar Galow-Bergemann.

Die Moderation der anschließenden Publikumsdiskussion übernehmen Jean-Philippe Baum (Delegierter für die Gemeinwohlökonomie in Deutschland) und Thomas Schulz (Attac Saar).


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