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Der Türkei – Kurdistankonflikt. Die Story dahinter und was hat das alles mit „uns“ zu tun?

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Wenn man 20 Jahre nach Erscheinen einer Publikation, diese genau so wieder veröffentlichen könnte, ist dies gut und schlecht zu gleich. GUT, weil man offenbar Analysen getroffen hat, die nicht hipp & cool waren, sondern Tiefgang hatten. SCHLECHT, weil wir zu schwach waren, das Elend des Alltags wie das PKK-Verbot wegzuwischen.

So geht es uns mit der Broschüre „Kurdistan“ (1995 in der Reihe „BRD + 3.Welt“, Kiel, 54 Seiten, vergriffen, ). Sie erschien damals, als es noch kein Internet & Facebook & Twitter gab, in 2 Auflagen, kostete 4 DM, ging sprichwörtlich weg wie „warme Semmeln“, war die erste Einführung zum türkischen Teil des Konfliktes für ein primär nicht-akademisches Publikum. Historisch wie aktuell frag(t)en wir nach den Verbindungen dieses Konfliktes zu „uns“, nach den Interessen der Akteure incl. Deutschland. Die Druckauflagen sind längst vergriffen. Nachdem junge KurdInnen uns mehrfach auf die Publikation ansprachen und wir ihnen leider keine mehr geben konnten, machen wir sie jetzt zumindest online verfügbar.

Und ja, die PKK, die angeblich einen eigenen kurdischen Staat will, geistert heute immer noch in den Köpfen von Experten in Politik, Medien und Wissenschaft. Um mit Rio Reiser die nötige Antwort zu geben „Alles Lüge“. Im März 1994 revidierte die PKK diese Position und verkündete dies auf einer internationalen Pressekonferenz in Brüssel. Stattdessen schlug sie Verhandlungen vor für eine föderale Lösung der kurdischen Frage innerhalb der türkischen Staatsgrenzen. Soweit die Fakten.

Auch die öffentliche Begründung für das PKK Verbot in Deutschland vom November 1993 verdient schlichtweg nur die Bezeichnung „Alles Lüge“. Von wegen Rauschgifthandel, Schutzgelderpressung und Brandstiftung….. Auf Seite 42 haben wir O-Töne aus dem Bundestag und Polizeizeitungen zusammen getragen, die aus „berufenem Munde“ das Gegenteil belegen. Ein Blick in die Verbotsverfügung von Manfred Kanther (CDU) – der später zurücktreten musste, weil er CDU Schwarzgeld klassisch antisemitisch als „jüdisches Vermächtnis“ titulierte – liefert die Antwort auf das Warum: „eine weitere Duldung der PKK Aktivitäten in Deutschland würde diese deutsche Außenpolitik unglaubwürdig machen.“ Diese geostrategischen Gründe stellen wir ausführlicher in der Publikation dar.

Und doch, zwei Dinge haben sich geändert:

1. Seit der großen Leistung der PKK im Kampf gegen den IS bei Kobanê in Nordsyrien und der Rettung tausender Yesiden vor dem IS aus dem irakischen Sindschar Gebirge wird vehement über die Aufhebung des PKK Verbotes diskutiert. Von den Parteien sind Die Linke dafür, die Grünen können es sich vorstellen, die SPD überlegt eine Neubewertung und von der CDU ist Volker Kauder (Fraktionsvorsitzender im Bundestag) für eine Unterstützung der PKK. Unter vier Augen findet man in Parteigesprächen – egal ob mit CDU, SPD, Grüne, Linke – niemand mehr, der dafür ist.

2. Deutlich konkreter geworden sind die Aussagen (und die Praxis) der PKK über ihre gesellschaftlichen Vorstellungen. Dies hatten wir auf S.16 damals noch negativer formulieren müssen: „Aussagen zur Gestaltung des Alltagslebens nach einem möglichen Ende der militärischen Kampfhandlungen sind vage.“ Heute bekennt sich die PKK zum Prinzip des demokratischen Konföderalismus, das u.a. von den US-amerikanischen Anarchisten Murray Bookchin mit entwickelt wurde. Ebenso sind auf fast allen politischen Ebenen Männer UND Frauen gleichberechtigte Vorsitzende.

"Kurdistan" ist 1995 in der Broschürenreihe „BRD und Dritte Welt", herausgegeben von Reinhard Pohl, erschienen. Schwerpunkte der vergriffenen 54-seitigen Broschüre waren "Kurdistan im Überblick", "Interessen der Türkei und BRD", Politische Angebote sowie "Die Antwort der BRD".

Aus dem Editorial:

Eins vorweg: Die vorliegende Broschüre ist als Einfuhrung in das Thema „Kurdistan" gedacht und erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Am Ende haben wir weiterführende Literatur zusammengestellt und kurz kommentiert.

Kurdistan, das zerrissene Land an Euphrat und Tigris, erstreckt sich über vier Staaten. Nach vorsichtigen Schätzungen leben dort heute zwischen 25 bis 30 Millionen Kurdinnen; davon etwa 15 Millionen in der Türkei, 4 Millionen im Irak, 7 Millionen im Iran und 1 Million in Syrien. Zwischen 1 und 2 Millionen leben als Flüchtlinge oder Arbeitsimmigrantinnen in Westeuropa, davon 500.000 in der Bundesrepublik. Die Fläche Kurdistans wird auf fast 500.000 Quadratkilometer beziffert.

Wir beschränken uns in dieser Broschüre auf den türkischen Teil Kurdistans (Nordwest- Kurdistan) und versuchen, den aktuellen Konflikt auch ausgehend von den historischen Weichenstellungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu erklären. Neben der Darstellung der aktuellen Situation im türkischen Teil Kurdistans interessieren uns die Vorschläge für eine politische Lösung und die ökonomischen wie geostrategischen Interessen der Bundesrepublik.

 Broschüre/Flugschrift "Kurdistan" (34 MByte, Scan mit OCR)