Neues Buch: "Strassen im Saarland"

u.a. mit dem Beitrag von Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar e.V.: Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck - Vom Kaiser geehrt, vom Führer geliebt –

"Straßen im Saarland: Nationalisten und Militaristen als Namensgeber", herausgegeben von Gerhard Bungert. Mit Beiträgen von

Patric Bies
Gerhard Bungert
Rainer Freyer
Yvonne Ploetz
Roland Röder

Peter Imandt Gesellschaft
Blattlausverlag, 978-3-930771-90-5, 16,00 €, Mai 2014

Hier geht es zu dem Artikel als PDF

Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck Vom Kaiser geehrt, vom Führer geliebt –

von Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar e.V.

In Saarlouis hat man jahrzehntelang den deutschen Kolonialmilitär General Paul von Lettow-Vorbeck (1870-1964) verehrt. An seinem Geburtshaus in der Silberherzstraße prangte bis Mitte 2010 eine martialische Inschrift mit Verweis auf den ritterlichen und unbesiegten „Verteidiger“ Deutsch-Ostafrikas im Weltkrieg 1914-1918. Nachdem die Proteste gegen diese Militarisierung des Alltags zu viel Wirkung entfalteten und dem Image der weltoffenen Stadt zu schaden drohten, begann man ihn einfach aus dem Stadtbild auszuradieren. So als wäre nie etwas gewesen. Auch auf der Internetseite findet sich Lettow-Vorbeck nur noch in Spurenelementen wieder. Heute möchte man nicht mehr an ihn erinnert werden. Besonders bitter: An die Opfer seiner Politik in Afrika wie in Deutschland erinnert in Saarlouis seit jeher nichts.

Der Beitrag beschreibt die politische und militärische Tätigkeit von Paul von Lettow-Vorbeck sowie seine jahrzehntelange Huldigung durch die Stadt Saarlouis wie die verbreitete Weigerung der politisch Verantwortlichen, an seine zahlreichen Opfer zu erinnern.

Ein Beitrag zur deutschen Kolonialgeschichte

Heute wie damals werden Helden gebraucht, vor allen Dingen unbesiegbare Helden. Da wird auch schon mal die Geschichte zurechtgestutzt und unbequeme Fakten fallen unter den Tisch. Der im saarländischen Saarlouis geborene deutsche Kolonialmilitär Paul von Lettow-Vorbeck (1870 - 1964) ist ein solcher Held: Auf einer Tafel an seinem Geburtshaus in der Saarlouiser Innenstadt wurde er jahrzehntelang bis Mitte 2010 als unbesiegt gelobt. „Der unbesiegte, ritterliche Verteidiger Deutsch-Ostafrikas im Weltkriege 1914-1918 General Paul von Lettow-Vorbeck wurde am 20.3.1870 in diesem Hause geboren.” Diese Formulierung widersprach nicht nur lange bekannten historischen Tatsachen, sie ist einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, unwürdig. Dass er 1904 an der Ermordung von 60.000 Herero in Deutsch-Südwest-Afrika (heute Namibia) beteiligt war und den Nazis später als gern gesehener Redner diente, wird dabei übergangen. Lettow-Vorbeck ist immer noch Ehrenbürger von Saarlouis. Ein Gedenken an seine Opfer findet bis heute in Deutschland nicht statt. General Lettow-Vorbeck war für die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg ein großer Held, weil er sich mit seiner Truppe in Ostafrika lange gegen die Engländer hielt und erst zwei Wochen nach dem Waffenstillstand in Europa kapitulierte. Die Nazis widmeten dem »Löwen von Afrika« Kasernen, Schulen und Straßen im ganzen Reich. Auch in der alten Bundesrepublik wurden viele Straßen nach ihm benannt. Zwei Bundeswehrkasernen in Leer / Ostfriesland (im Herbst 2010 in Evenburg Kaserne umbenannt) und in Bad Segeberg trugen seinen Namen. Für manche ist er heute noch ein Held.

 

In Saarlouis trug bis Mitte 2010 eine Straße seinen Namen. Heute gibt es noch in Völklingen eine Paul von Lettow-Vorbeck Straße (1).

Die Blutspur des Lettow-Vorbeck

Lettow-Vorbeck hat von China über Afrika bis nach Hamburg und Mecklenburg eine Blutspur hinter sich her gezogen. 1900 beteiligte er sich am Einsatz in China und war ein Jahr später dabei, als in China gefangene Aufständische erschossen wurden. 1904 meldete er sich freiwillig in Namibia und war als Adjutant des deutschen Befehlshabers, General Lothar von Trotha, an der Ermordung von über 60.000 Männern, Frauen und Kindern der aufständischen Herero und Nama beteiligt.

Vor allem sein Kampf um Deutsch-Ostafrika zwischen 1914 und 1918 hat Lettow-Vorbeck seinen Heldenstatus verschafft. Der Historiker und Buchautor Uwe Schulte-Varendorff führt jedoch aus: „Das Vorgehen der Truppen, bei denen Plünderungen, Vergewaltigungen, Brandschatzungen, Morde, Tötungen und Folterungen von Gefangenen und Verwundeten und Zwangsrekrutierungen an der Tagesordnung waren, erinnerte an die Kriegsführung längst vergangener Jahrhunderte.”(2)

Die Deutschen rekrutierten Tausende von Afrikanern als Trägersklaven, was viele nicht überlebten. Über 100.000 kamen dabei ums Leben. Flüchtende Träger und desertierende afrikanische Soldaten wurden von Lettow-Vorbecks Soldaten erschossen, öffentlich durch Erhängen hingerichtet oder ausgepeitscht. Verdächtige wurden in Ketten oder Halseisen gelegt und teilweise mit Telefondraht aneinandergebunden. Die schwarzen Soldaten nannten Lettow-Vorbeck den »Herrn, der unser Leichentuch schneidert«. Im November 1918 kapitulierte die deutsche Heeresführung und im Vertrag von Versailles verlor Deutschland seine Kolonien. Lettow-Vorbeck forderte seitdem die Rückgabe der „deutschen Schutzgebiete“. Im Juli 1932 brachte er sein politisches Credo auf den Punkt: „Es sind Illusionen, wenn wir glauben, Kolonien wieder zu erlangen, ohne das Fundament der Macht, mag der Rechtsanspruch noch so begründet sein. Und so liegt der erste Schritt zum Wiedererwerb unserer Kolonien nicht drüben, irgendwo jenseits der Meere, er muss getan werden zu Hause, in der Heimat. Hier gilt es Macht zu schaffen und Macht entsteht durch Zusammenfassen von Kraft.“ (3) Eine Aussage, die auch heute noch wegen ihrer Anschlussfähigkeit zur NS-Ideologie besticht.

Es lässt sich nachweisen, dass er

• in Deutsch-Südwestafrika am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt war

• in Deutsch-Ostafrika brutal und rücksichtslos agierte

• die so genannte „Sülzeunruhe“ 1919 im Auftrag von Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) mit einer Reichswehr-Division in Hamburg brutal niederschlug. Grund der Unruhen waren Teuerungen bei Lebensmitteln. Lettow-Vorbeck schränkte die Meinungsfreiheit ein, ließ Gewerkschaftshäuser schließen, Reden von Kommunisten durch Waffengewalt verhindern, setzte Kriegsgerichte ein und verhängte Todesstrafen. Im September 1919 meldete er seinen Auftrag als erfüllt.

• 1920 am ultrarechten Kapp-Lüttwitz-Putsch teilnahm. Als Kommandeur der Reichswehrbrigade 9 in Schwerin stellte er seine Truppen den Putschisten zur Verfügung. Auch hier ging er wieder rücksichtslos vor.

• dem NS-Regime als Kolonialpropagandist diente. Diese Bereiche seiner Biografie werden häufig ausgeblendet oder beschönigend dargestellt.

Saarlouis verbeugt sich vor dem Militaristen und Kolonialisten

Lange Zeit war der Umgang mit Paul von Lettow-Vorbeck von Distanz- und Kritiklosigkeit geprägt. Mehr noch: Die Person Lettow-Vorbeck und damit auch seine politischen Ansichten wurden glorifiziert. 1956 trugen der Stadtrat Saarlouis und der Bürgermeister Hubert Schreiner (CDU) ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Saarlouis an. Ebenso benannte man eine Straße und eine Brücke nach ihm.

Bis heute wird in Saarlouis eine kritische Auseinandersetzung mit ihm und seinen Taten vermieden. (4)  Es mag bei den Verantwortlichen in Stadt und Land zunächst die Furcht vor den Reaktionen derer gewesen sein, die Lettow-Vorbeck explizit als Militär und General verehrten, der von deutsch-nationalem Sendungsbewusstsein getrieben, durchgriff: Im fernen Afrika gegen Herero und Nama und gegen Askari und vor der eigenen Haustür gegen Sozialdemokraten und Kommunisten im Konkreten und gegen die Demokratie der Weimarer Republik im Allgemeinen.

Es mögen aber auch eigene deutsch-national geprägte Überzeugungen der städtischen Verantwortlichen gewesen sein, die sie darauf beharren ließen, das gefälschte Geschichtsbild lange Zeit nicht anzutasten? Es scheint, dass die Legende von der ehrenhaften und an sich unschuldigen deutschen Armee und den zeitlosen soldatischen Tugenden weiterlebt und unbedingt weiterleben soll.

So schrieb ihm 1960 der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke: „Mit ihrem Namen verknüpfen sich nicht nur Erinnerungen an militärische Leistungen, sondern auch die damit verbundene aufrechte menschliche Haltung.” Der frühere Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) sah etwas später in dem „unbesiegten Verteidiger Deutsch-Ostafrikas" Paul von Lettow-Vorbeck sogar „ein Leitbild für die jungen Generationen” und hielt 1964 die Trauerrede auf dessen Beerdigung. Eine Geste, die Bände spricht. Dazu gehört auch, dass die Bundeswehr ein Begräbnis mit militärischen Ehren organisierte, die Totenwache hielt und mit Musikkorps aufspielte.

Lieblingsgetränk: Schwarzer Johannisbeersaft

Bis zu seinem Tode besuchte Lettow-Vorbeck seine Geburtsstadt Saarlouis meist jährlich nach einem Jagdausflug im Hunsrück. In Saarlouis hatte man ihn bereits 1956 zum Ehrenbürger ernannt und erfreute den General bei seinen Besuchen mit seinem Lieblingsgetränk, schwarzem Johannisbeersaft. (5)  Die Stadt Saarlouis feierte am 20. März 1970 den 100. Geburtstag Lettow-Vorbecks. Rund 800 Gäste kamen zu einer Feierstunde der Stadt zusammen. Der damalige Bürgermeister Dr. Manfred Henrich (SPD) sagte: „... Uns Heutigen mag Lettow-Vorbeck als ein Mann in Erinnerung bleiben, der sich in unwandelbarer Weise stets treu geblieben ist, der heldenmütig, fair und großmütig war und deshalb auch von seinen Gegnern geachtet wurde, und dessen Person, was die kennzeichnende Ethik der Pflichterfüllung und der Hingabe an das eigenen Land anbelangt, durchaus auch denjenigen als Leitbild dienen kann, die sich, wie wir heute, auf Grund eines vertieften Verständnisses des Gleichheitssatzes und seiner Auswirkungen auf die innerstaatliche Ordnung und das Zusammenleben der Völker anderen innenpolitischen und außenpolitischen, dem Prinzip der Mitmenschlichkeit mehr Rechnung tragenden Auffassungen und Zielen verpflichtet wissen.“ (6)

Unter den Tisch fiel bei dieser Inszenierung, dass Lettow-Vorbeck den Antisemitismus der Nazis begrüßte, deren koloniale Ziele durch eine rege Vortrags- und Publikationstätigkeit unterstützte und von Hitler 1939 zum General z.b.V. (zur besonderen Verwendung) ernannt wurde. Dazu passt auch, dass sein 1920 publiziertes Jugendbuch „Heia Safari“ von den Nazis in die Grundbuchliste für Schülerbüchereien aufgenommen wurde (7) und noch bis 1952 in neun Ausgaben mit einer Gesamtauflage von 281.000 Exemplaren erschien. Kurios, aber politisch-historisch nicht wirklich überraschend, ist die aktive Beteiligung von Sozialdemokraten an den Ehrungen von Lettow-Vorbeck, obwohl er sie militärisch(!) bekämpfte.

Proteste gegen die Saarlouiser Heldenverehrung und Reaktionen

In den 80’er Jahren gab es immer wieder vereinzelte Proteste aus den Reihen der SPD, Jusos und der Grünen. Als erste Konsequenz wurde die neben der im Februar 1992 weg gesprengte Paul von Lettow-Vorbeck Brücke neu erbaute Brücke in Peter-Neis-Brücke umbenannt. Die neue Brücke wurde im November 1991 für den Verkehr freigegeben. Peter Neis war 1908-1936 Bürgermeister des heutigen Saarlouiser Stadtteils Fraulautern.

Noch im Jahr 2000 wird auf der offiziellen Homepage der Stadt Saarlouis Lettow-Vorbeck in der Rubrik „Historische Personen“ vorgestellt als „aufrechter Mann (...), der nach 1904 den Herero-Aufstand und später die Hottentotten Rebellion in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika niederzuschlagen half.“ Nachdem die „Aktion 3.Welt Saar“ im gleichen Jahr diese Glorifizierung mit der Veranstaltungsreihe „Heia Safari – Der deutsche Kolonialismus in Afrika“ thematisierte, wurde die Seite verändert und von dem allzu offenen national-vaterländischen Pathos befreit.

Eine neue Qualität hinsichtlich Breitenwirksamkeit entstand 2007, als es der Aktion 3.Welt Saar gelungen war, ein breites Bündnis auf die Beine zu stellen. In diesem Kontext erschien in einer Auflage von 165.000 Ex. die vierseitige Flugschrift „Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck“. (8)  Sie wurde als Beilage bundesweit in „die tageszeitung“ und im Saarland in der „Saarbrücker Zeitung“ verteilt. Zu den Organisationen, die die Herausgabe der Publikation unterstützten gehörten unter anderem:  die SPD-nahe Stiftung Demokratie Saarland, die grünnahe Heinrich Böll Stiftung Saar, die Peter Imandt-Gesellschaft und Rosa Luxemburg Stiftung als parteinahe Stiftungen von „Die Linke“,  Netzwerk Selbsthilfe Saar, der Evangelische Entwicklungsdienst (EED), Stiftung Umverteilen Berlin, Stiftung do Hamburg und der Solidaritätsfonds der DGB nahen Hans Bökler Stiftung Düsseldorf. Begleitet wurde diese Massenpublikation von mehreren sehr gut besuchten Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen. Diese gesellschaftliche Breite machte der Saarlouiser Kommunalpolitik unmissverständlich deutlich, dass die Zeit von Lettow-Vorbeck abgelaufen war. Es ging nicht mehr darum, ob man aus der Heldenverehrung ausstieg, sondern nur noch um das wann und wie.

Hinzu kam, dass die bestimmenden Medien im Saarland – Saarbrücker Zeitung und Saarländischer Rundfunk – ausführlich und differenziert über die Proteste berichteten und damit ihren Anteil am Sinkflug der öffentlichen Sympathiewerte für den Militaristen Lettow-Vorbeck hatten. (9)  Auch das offizielle Saarlouis wie Verwaltung und Stadtrat ging zunehmend auf Tauchstation und bezog sich in städtischen Publikationen zunehmend seltener positiv auf ihren „großen“ und „heldenhaften“ Sohn. Letztlich setzte sich die Meinung der Kritiker/innen durch, wonach es nichts am Kolonialismus gibt und „nichts an der Person Lettow-Vorbecks, das heute noch verehrungswürdig wäre.“ (10)  Es fand sich kaum noch jemand, der „den General“ verteidigen wollte (11). Die zunehmend breiteren und professionellen Proteste gegen die Lettow-Vorbeck Ehrungen ließen den Preis für die anhaltende Glorifizierung des Generals zu groß werden.

Auf der einen Seite zeichnete man das Bild einer weltoffenen Stadt, in der es sich gut leben lässt, auf der anderen Seite stand die antiquierte Heldenverehrung eines lupenreinen Militaristen und Kolonialisten, an dessen Revers das Blut seiner vielen tausend Opfer klebte. Wenn sich der drohende Imageverlust erst mal in den Köpfen von Menschen festgesetzt hat, wird es schwierig und vor allem teuer werden, ihn mittels aufwendiger Medien- und Öffentlichkeitsarbeit wieder zu korrigieren. Allerdings darf dies nicht darüber hinweg täuschen, dass das mit Lettow-Vorbeck verbundene allzu offene Säbelrasseln nicht aus der nationalen wie internationalen Politik verschwunden ist. Nur es wird dezenter präsentiert.

In der Folgezeit entschied man sich den Straßennamen zu ändern: Die Lettow-Vorbeck Straße wurde im Mai 2010 zweigeteilt in Walter-Bloch-Straße (vor den Nazis emigriert, nach der Rückkehr 1946-1949 Bürgermeister in Saarlouis) und in Hubert-Schreiner-Straße. Der spezifischen Saarlouiser Ironie ist es zu verdanken, dass Lettow-Vorbeck 1956 von dem damaligen Bürgermeister Hubert Schreiner zum Ehrenbürger von Saarlouis ernannt wurde. Ein bisschen Lettow-Vorbeck bleibt also auch bei dieser Umbenennung durch die Hintertür erhalten. Vergangenheitsbewältigung à la Saarlouis. Zu einer Aberkennung der Ehrenbürgerschaft konnte man sich ebenso wenig durch ringen. Geändert wurde auch die Gedenktafel. Sie wurde einfach abmontiert. Stattdessen ist jetzt am Geburtshaus in der Silberherzstraße unter einem eisernen Relief von Lettow-Vorbeck zu lesen: „Geburtshaus von / General Paul Lettow von Vorbeck / 1870 – 1964“

Der Vorschläge der Aktion 3.Welt Saar und des Saarlouiser Heimatforschers Hans Peter Klauck die Gedenktafel nicht abzumontieren, sondern zu ergänzen mit einem Verweis auf seine Opfer und die Straße nach dem katholischen Priester Wilhelm Caroli (1895 -1942) zu benennen, der aus Saarlouis stammte und von den Nazis ermordet wurde, wurden „natürlich“ abgelehnt. Das gleiche Schicksal ereilte den Vorschlag des fraktionslosen Stadtratsmitgliedes Dirk Scholl, die Straße nach dem 1991 in Saarlouis ermordeten Flüchtling Samuel Yeboah (Ghana) zu benennen.

Die Stadt Saarlouis ging noch einen Schritt weiter und entfernte mehrere ihrer Einträge zu Lettow-Vorbeck von ihrer Internetseite. Nach jahrzehntelangen Lobeshymnen im Stadtbild findet sich heute lediglich ein einziger, noch dazu beschönigender und historisch relativierender, Satz über ihn: „Der Grund für die Umbenennung liegt in der als problematisch zu bewertenden Vergangenheit des Generals Paul Emil von Lettow-Vorbeck.“ (siehe Anmerkung 4) Kontinuität zeigt die Stadt Saarlouis aber beim Umgang mit den Opfern der Politik von Lettow-Politik: Ihrer – die meisten von ihnen waren keine Deutschen sondern Herero und Nama aus dem heutigen Namibia und Menschen aus Ostafrika, dem heutigen Tanzania – wird bis heute weder auf der Internetseite noch im Stadtbild von Saarlouis gedacht. Sie werden konsequent missachtet und ausgeblendet.

Immerhin, in einem Schreiben vom 10.9.2010 an die Aktion 3.Welt Saar, schreibt der Saarlouiser Kulturamtsleiter Walter Birk, dass die Stadt die Gedenktafel entfernt und den Straßennamen geändert hat und bilanziert dann wie folgt: „Somit haben Stadtrat und Verwaltung der Ehrung und Glorifizierung des Generals ein Ende gesetzt.“ Also ein Eingeständnis, dass man „den General“ die ganze Zeit über „glorifiziert“ hat. So ganz traute man sich aber damit nicht an die Öffentlichkeit: Die Änderungen des Straßennamens, der martialischen Innschrift am Geburtshaus und der Internetseite geschahen auffallend leise. Sehr leise sogar.

Seiner Opfer gedenken – Reparationen zahlen

Vier Vorschläge für einen aktuellen Umgang

Ich plädiere dafür das Schweigen und die, abgesehen von wenigen lobenswerten Ausnahmen, verklärte Auseinandersetzung in Saarlouis mit dem Leben Lettow-Vorbecks zu beenden. Denn er war weder ritterlich, noch stand er den Nazis kritisch gegenüber. Die politisch Verantwortlichen in Saarlouis müssen sich fragen lassen: Warum wurde ein Mensch wie Lettow-Vorbeck jahrzehntelang gewürdigt und geehrt? Warum vermied man es, das idealisierte und glorifizierte Bild von ihm zu korrigieren und die unbequemen Tatsachen anzuerkennen, dass wir es bei Lettow-Vorbeck mit einem undemokratischen und rücksichtslosen Menschen zu tun haben?

Auf der Grundlage eines humanistischen Weltbildes drängen sich vier Forderungen geradezu auf:

1. Eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus, mit der der Opfer seines Handelns gedacht wird.

2. In diesem Sinne korrigiert die Stadt Saarlouis ihre Internetpräsenz zu Lettow-Vorbeck und ihre sonstige Öffentlichkeitsarbeit.  

3. Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Lettow-Vorbecks durch die Stadt Saarlouis. Juristisch argumentiert man, diese sei mit seinem Tode 1964 automatisch erloschen. Politisch wäre eine Aberkennung ein klares Bekenntnis des Stadtrates Saarlouis gegen die Taten und die Auffassungen eines Lettow-Vorbeck.

4. Einrichtung einer offenen Arbeitsgruppe mit dem städtischen Auftrag, Vorschläge für die pädagogische Aufarbeitung an Schulen zu erarbeiten. Als Moderator einer solchen Arbeitsgruppe würde sich die „Vereinigung für Heimatkunde im Landkreis Saarlouis e.V.“ anbieten. Eine Aufarbeitung im schulischen Unterricht würde bedeuten, die „große“ nationale Politik regional zu erden. SchülerInnen würden über die nationale wie über die regionale Politik viele interessante Erkenntnisse gewinnen. Beispielsweise die gerne verdrängte Tatsache, dass dort, wo es Opfer gibt, auch Täter sind. Zu den damaligen Tätern gesellten sich später auch Unterstützer, Kleinredner und publizistische Helfershelfer, die mit ihrer massiven Ignoranz für die Verhöhnung der Opfer mitverantwortlich sind.

Es geht dabei eben nicht darum, den Namen „des Generals“ aus dem Stadtbild von Saarlouis zu tilgen. Ziel ist vielmehr eine kritische Auseinandersetzung, die sowohl seinen Opfern ein Stück ihrer Würde zurück gibt, als auch „unseren“ Blick auf „die da unten in Afrika“ etwas weniger arrogant und hochnäsig daher kommen lässt.(12) Was gerne übersehen wird: Die Nachkommen der Opfer von Lettow-Vorbeck leben; zum Beispiel im heutigen Namibia. Als sich die bundesdeutsche Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul am 14.8.2004 in Windhuk, der Hauptstadt Namibias, für die Verbrechen der deutschen Kolonialmilitärs entschuldigte, war dies ein wichtiger und bedeutender Schritt für die Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit. Der nächste Schritt wäre die Bereitschaft, Reparationen für die materiellen Zerstörungen zu zahlen. Wohl wissend, dass kein Menschenleben mit Geld aufgewogen werden kann.

Unmündige Afrikaner – weiße Helden

Die Ignoranz gegenüber den afrikanischen Opfern von Lettow-Vorbeck, fußend auf dem klassischen kolonialen Afrikabild, ist beileibe keine Saarlouiser Eigenart.

Wie aktuell und breitenwirksam dieses Afrikabild heute noch ist, zeigen zwei relativ neue Filme  „Afrika, mon amour“ (Hauptdarstellerin Iris Berben) und „Momella – Eine Farm in Afrika“, (Hauptdarsteller Christine Neubauer, Horst Janson) die im Januar und Februar 2007 im ZDF gezeigt wurden. Beide Filme pflegen das koloniale Klischee und das Bild von unmündigen Afrikanern und Afrikanerinnen, die dementsprechend auch nur, neben der schönen Landschaft und den wilden Tieren, die Kulisse bilden dürfen und als Statisten mitspielen. Die Helden sind weiße Männer und Frauen. Ganz wie in den „guten alten Zeiten“ des „ritterlichen, unbesiegten“ Helden, General Paul von Lettow-Vorbeck. Hierzu passt auch, dass das kolonial verherrlichende Lied „Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad“ bis heute in dem bekannten und weit verbreiteten Liederbuch „Der Bettelmusikant” abgedruckt wird. (13)

Fazit

Trotz zwischenzeitlicher Umbenennung der Lettow-Vorbeck Straße und der nach ihm benannten Brücke vermeidet man bis heute

  1. ein Gedenken an seine Opfer, was nach den jahrzehntelangen Lobeshymnen und Ehrerweisungen für den Täter einer nachträglichen Verhöhnung von ihnen gleich kommt.
  2. eine kritische Auseinandersetzung über die eigene, jahrzehntelange städtische Glorifizierung dieses Militaristen und mit seinen Taten
  3. eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft, was jenseits der formal-juristischen Frage, ob diese mit dem Tode erlischt, ein politisches Bekenntnis des Stadtrates Saarlouis gegen den Kolonialmilitär Paul von Lettow-Vorbeck bedeuten würde.

Man verfährt nach dem Motto: Teppich hoch, Unangenehmes drunter kehren, Teppich fallen lassen und mit Unschuldsmine verkünden, da war doch nichts. Wir sind mit uns im Reinen. Wir präsentieren uns weiter als weltoffene und tolerante Stadt und präsentieren Touristen eine historisch widerspruchsfreie Kulisse. Eine ehrlich gemeinte und historisch seriöse Aufarbeitung der eigenen Geschichte inclusive der eigenen Verstrickungen sieht anders aus.

Anmerkungen

(1) In Völklingen finden sich darüber hinaus noch im gleichen Stadtviertel die Carl-Peters- Straße, die Wissmannstraße und die Lüderitzstraße. Allesamt Kolonialisten im Geiste Lettow-Vorbecks, die nicht durch demokratische Positionen auffielen. Bis in die Kommunalpolitik, die für die Benennung von Straßen zuständig ist, sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse der historischen Forschung offensichtlich noch nicht vorgedrungen.

(2) Uwe Schulte Varendorff, Kolonialheld für Kaiser u. Führer General Lettow-Vorbeck, Chr. Links Verlag, Berlin, 2006, S.66

(3) zitiert nach Jacob Ernst Gerhard: Kolonial­politisches Quellenheft, Bamberg 1935 in: Möhle, Heiko: Branntwein, Bibeln und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika – eine Spurensuche in Hamburg, Hamburg 1999, S. 126.

(4) Die städtische Internetseite enthält keinerlei Wort des Bedauerns für seine Opfer.

Die jahrzehntelange martialische Inschrift an seinem Geburtshaus vom „unbesiegten“, „ritterlichen“, „Verteidiger“ Deutsch-Ostafrikas wird ebenso wenig thematisiert. Auch zu dem Flüchtling Samuel Yeboah aus Ghana der am 19.9.91 in Saarlouis Opfer eines rassistischen Brandanschlags wurde, findet seitens der Stadt kein Gedenken statt. An ihn erinnert schlichtweg nichts. (Seitenaufruf vom 14.3.2012.)

(5) Hans Peter Klauck, Paul von Lettow-Vorbeck. Des Generals dunkle Seiten, in „Unsere Heimat, Mitteilungsblatt des Landkreises Saarlouis für Kultur und Landschaft”, Saarlouis, 2007, Heft Nr. 2, S. 80ff.

(6) ebenda, S.82

(7) Gottfried Mergener, Ansgar Häfer (Hg.), Der Afrikaner im deutschen Kinder- und Jugendbuch, Hamburg 1989, 2.Auflage, S.95

und: Aktion 3.Welt Saar (Hg.), Zehn kleine Negerlein. AfrikaBilder & Rassismus im Kinderbuch“, (Flugschrift) Losheim am See, 2011; zum Download auch unter www.a3wsaar.de

(8) Aktion 3.Welt Saar (Hg.), Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck. Vom Kaiser geehrt, vom Führer geliebt. Ein Beitrag zur deutschen Kolonialgeschichte“ (Flugschrift), Losheim am See, 2007. Sie wurde auch in Städten wie Hannover, Wuppertal und Leer in regionalen Diskussionen um Ehrungen – meist Straßennamen – für Lettow-Vorbeck eingesetzt. In Leer (Ostfriesland) wurde nach langen Auseinandersetzungen im Herbst 2010 die Lettow-Vorbeck Kaserne in Evenburg Kaserne umbenannt.

(9) Beispielhaft seien hier zwei von mehreren Artikeln aus der Saarbrücker Zeitung erwähnt:

Johannes Kloth, Der kalte Kommandeur, Saarbrücker Zeitung, 12. November 2009, Seite C8

Harald Knitter, Gedenken an Weltkriegsgeneral überdenken, Saarbrücker Zeitung, 20. November 2008, Seite C5. Der Artikel berichtet über eine Diskussionsveranstaltung der Aktion 3.Welt Saar im Saarlouiser Theater am Ring. Die politischen Bauchschmerzen der Saarlouiser Kommunalpolitik im Umgang mit Lettow-Vorbeck waren unübersehbar. Die CDU- und SPD-Stadtratsfraktionen wie auch OB Roland Henz (SPD) sahen sich außerstande, daran teilzunehmen und im Podium mitzudiskutieren.

Zu einer differenzierten Sicht trugen auch verschiedene Artikel von Johannes Werres (Saarbrücker Zeitung) bei.

(10) Uwe Schulte Varendorff, Konialheld für Kaiser und Führer – General Lettow-Vorbeck, Chr. Links Verlag, Berlin, 2006, S. 152

(11) Vereinzelt tauchten unter anderem in Leserbriefen noch Beschimpfungen gegen die KritikerInnen von Lettow-Vorbeck als „Deutschenhasser“ auf (Leserbrief Gerd Mitius, Nassweiler; Saarbrücker Zeitung, 10.6.2010, Seite A4). In dem gleichen Brief vermutet der Autor den „Saarlouiser evangelischen Kirchenkreis“ als Drahtzieher hinter der Diskussion um die Umbenennung der Lettow-Vorbeck Straße.

(12) Siehe dazu auch die Diskussionen, die bundesweit zur deutschen Kolonialvergangenheit statt finden wie in Freiburg, Hamburg und Köln; www.deutschland-postkolonial.de

sowie Anmerkung 7

(13) Siehe: „Der Bettelmusikant”, aktualisierte Auflage 2006, S.97

Der Voggenreiter Verlag beschreibt sein Liederbuch „als besonders geeignet für Jugendarbeit und Freizeit”. Im ersten Absatz des Liedes, das auch von Heino inbrünstig gesungen wurde, wird ebenfalls die Legende der braven, treuen Askaris präsentiert: „Wie oft sind wir geschritten / auf schmalem Negerpfad / wohl durch der Steppen Mitten / wenn früh der Morgen naht. / Wie lauschten wir dem Klange, / dem alten trauten Sange, / der Träger und Askari / Heia, heia Safari". In der „Mundorgel” wurde das Lied bis zur Neuauflage 2001 gedruckt.

Lesetipp:

Die beiden Flugschriften „Der Mythos Paul von Lettow Vorbeck“ und „AfrikaBilder & Rassismus im Kinderbuch“ stehen zum Dowonload unter www.a3wsaar.de . Die Publikation zu „AfrikaBilder….“ Kann auch als Printausgabe kostenlos zugesandt werden.

 

Chronik

1870 Geburt

1900 – Niederschlagung des sog. Boxer-Aufstandes in China

1904 – Niederschlagung des Herero-Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia); Ermordung von 60.000 Herero und Nama 

1914-1918 – brutaler Hinhaltekrieg in Deutsch-Ostafrika (heute Tanzania); Zwangsrekrutierungen von ‚Askaris’, Vergewaltigungen, Folterungen und Tötungen von Gefangenen; über 100.000 Tote, Verwüstung weiter Gebiete

1919 (März) – Triumphaler Empfang in Berlin als unbesiegter General, Ritt durch das Brandenburger Tor

1919 – Militärische Niederschlagung der „Sülzeunruhen“ (Hungerunruhen) in Hamburg

1920 – Beteiligung am ultrarechten Kapp-Putsch

1920 – 1940: Werbung durch Publikationen und Vortragsreisen auch bei NS-Vereinen für die Wiedereroberung ehemaliger deutscher Kolonien, was auch Ziel der Nazis war. Er war kein Mitglied der NSDAP.

1939 – Ernennung durch Adolf Hitler zum General zur besonderen Verwendung

1956 – Ehrenbürger von Saarlouis

1964 – Tod; Begräbnis mit militärischen Ehren und Rede des Bundes-Verteidungsministers Kai Uwe von Hassel (CDU)

1970 – Saarlouis feiert seinen 100. Geburtstag; die Festrede hält Bürgermeister Dr. Manfred Henrich (SPD)

1984-1989: Proteste von Sozialdemokraten und Grünen; Umbenennung der Paul von Lettow-Vorbeck Brücke in Peter Neis-Brücke

2000 – Veranstaltungsreihe „Heia Safari“ der Aktion 3.Welt Saar; heftige Leserbriefreaktionen

2007 – Flugschrift „Der Mythos Paul von Lettow-Vorbeck“ von der Aktion 3.Welt Saar erscheint in einer Auflage von 165.000 Ex. ; breites Bündnis unterstützt die Herausgabe;

2008 – 2012: Veranstaltungen, Diskussionen, Artikel, TV- und Hörfunkbeiträge pro und contra, Leserbriefe

2010: Straßenumbenennung. Aus der Paul von Lettow-Vorbeck Straße wird die Hubert Schreiner Straße und die Walter Bloch Straße; die Gedenktafel an seinem Haus wird abmontiert; Erwähnungen seines Namens werden größtenteils auf der städtischen Internetseite gelöscht

2012 – 2020 In Saarlouis kein Gedenken an seine Opfer in Afrika und Deutschland

 

Zum Autor:

Roland Röder, Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V.,
Der Text bezieht die Ergebnisse und Recherchen einer Arbeitsgruppe zu Paul von Lettow-Vorbeck ein, die in der Aktion 3.Welt Saar dazu gearbeitet hat.

Für Kontakt und Information:

Aktion 3.Welt Saar e.V., Weiskirchener Str. 24, 66679 Losheim am See, Telefon 06872 / 9930-56, Fax 9930-57, E-Mail:a3wsaar@t-online.de

Stand: 22.März 2012 / Korrektur der Chronik am 10.11.2020


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