Offener Brief der Synagogengemeinde Saar zur Wiederumbenennung der Hermann-Röchling-Höhe

Wir veröffentlichen den von Richard Bermann am 28. November 2012 gezeichneten Brief...

... ergänzend zu unserem Aufruf zur Mahnwache, die am 17. Januar 2013 in Völklingen stattfand.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren Stadtverordnete,

1956 ehrte der Rat der Stadt Völklingen posthum den verurteilten Kriegsverbrecher Hermann Röchling durch die Benennung eines Stadtteils nach seinem Namen, der Hermann-Röchling-Höhe. Seit Jahrzenten schwelt in der Stadt hierzu ein Streit um die Rück- bzw. Umbenennung. Da es bisher nicht zu dem einzig möglichen Entscheid in der Sache gekommen ist, nämlich die Rückbenennung in Bouser Höhe vorzunehmen, sehen wir uns als Synagogengemeinde Saar veranlasst, mit unsere Meinung in die Öffentlichkeit zu gehen. Bevor wir dies tun, wenden wir uns zuerst einmal an Sie und tragen Ihnen unsere Sichtweise vor. Wir tun dies in der Hoffnung, dass Sie unsere Argumente verstehen und dass wir zu Ihrer Meinungsbildung beitragen können um endlich zu einer der Geschichte angemessenen Lösung zu kommen.

Zunächst möchten wir darauf hinweisen, dass uns die noch immer ausstehende Aufarbeitung nationalsozialistischer Relikte vor dem Hintergrund des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte mit weit über 50 Millionen Toten, davon 6 Millionen ermordeter Juden, auch heute nach 67 Jahren seit Ende der Schreckensherrschaft, noch immer tief berührt und nicht vergessen lässt was damals geschehen ist und wer dafür verantwortlich war, dass ein Großteil unserer Familien grausam von den Nazis ermordet wurden.

Gerade heute keimt in Deutschland wieder etwas auf, was wir so nicht mehr für möglich hielten. Der Antisemitismusbericht der Bundesregierung und eine neuerliche Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ergaben, dass jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch eingestellt ist. Das über zehn Jahre unbehelligte Morden unschuldiger Menschen seitens der Neonazi-Terrorgruppe NSU zeigt, wie gefährlich diese verblendeten Ewiggestrigen sind, die unbemerkt in der Mitte der Gesellschaft leben und die das schreckliche Erbe der Vergangenheit fortführen.

Wir, die jüdische Gemeinschaft, und ich schreibe dies auch in meiner Eigenschaft als Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland und weiterer Funktionen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, verfolgen diese Entwicklung mit größter Sorge. Zudem hat das Urteil des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 2012 zur religiösen Beschneidung eine derart heftige Kritik in der Öffentlichkeit hervorgerufen, die in ihrer Unsachlichkeit und Undifferenziertheit auch unsere Grundrechte und unsere Religionsfreiheit in Frage gestellt haben.

Am vergangenen Sonntag sprach Bundeskanzlerin Angela Merket, als erste/r deutscher Regierungschef/in auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Frankfurt (dies ist das höchste Gremium der Juden in Deutschland) und hat uns in ihrer Rede Solidarität, auch in schweren Zeiten zugesichert. Wichtig sei ihr, so sagte sie, dass jüdische Menschen spürten, dass sie genau so willkommen seien wie alle anderen, denn es gebe immer noch ein "großes Maß an Antisemitismus" im Lande.

Wie, so frage ich, kann diese Solidarität sich entfalten, wenn auf kommunaler Ebene das notwendige Fingerspitzengefühl hierfür fehlt. Völklingen setzt vielmehr eindeutige gegenläufige Signale, indem nicht erkannt wird, dass Kriegsverbrecher das sind, was sie nun einmal sind. Nein, viel schlimmer, sie werden in Ihrer Stadt sogar noch ge- und verehrt. Von „Wohltäter" ist sogar die Rede.

Aber es geht in Völklingen nicht allein um die ehemalige „Bouser Höhe", die noch immer nach dem verurteilten Kriegsverbrecher und Hitlerfreund Hermann Röchling benannt ist, der als Wehrwirtschaftsführer zu den Hauptfunktionsträgern des NS-Staates gehörte und für die Ausbeutung tausender Zwangsarbeiter sorgte, aber auch mitverantwortlich war für die Ermordung derer, die er wegen angeblichem Ungehorsam in die Arbeitslager schickte. Mit seiner Rüstungsmaschinerie trug er auch Mitverantwortung für die Gewaltpolitik und den Tod von Millionen Menschen.

Hinzukommt, dass in Völklingen noch immer, 67 Jahre nach dem Niedergang der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, der größte Kriegsverbrecher und Massenmörder in der Geschichte, nämlich Adolf Hitler als Ehrenbürger geehrt wird. Da kommt die Frage auf: wie stark beeinflusst der braune Geist der Vergangenheit noch immer manche Kommunalpolitiker der Gegenwart? Es wäre eine Frage der politischen Hygiene, hier endlich so zu handeln, wie es in den meisten deutschen Städten seit langem geschehen ist. Sie, die verantwortlichen Vertreter Ihrer Stadt sollten den Anstand besitzen, diese „Altlasten" schnellstens zu beseitigen und damit Vorbild für die Bürger und vor allem für die Jugend Ihrer Stadt sein.

Aus persönlichen Kontakten weiß ich, wie engagiert gerade die Schülerinnen und Schüler der Völklinger Schulen sich mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte auseinandersetzen und sich dabei auf Spurensuche nach den von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Mitbürgern von Völklingen begeben haben und wie sie sich mit dem Schicksal der politischen und religiösen Opfer beschäftigen. Diesen jungen Menschen wird durch die derzeitige Haltung der Stadtverantwortlichen ein völlig falsches Signal vorgegeben.

Diese jungen Menschen werden einmal die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, sie werden in Kommunalparlamente einziehen, sie werden als Schöffen fungieren, in Vereinen verantwortlich tätig sein und in vielen anderen gesellschaftlich relevanten Gruppierungen aktiv werden. Ihnen muss ein Signal des demokratischen Handelns und Denkens gegeben werden, dazu gehört sicher keine Verehrung von Kriegsverbrechern.

Mit einem Adolf Hitler als Ehrenbürger und einem verurteilten Kriegsverbrecher als Namenspatron eines ihrer Stadtteile haben sie keine in unsere Zeit passenden Vorbilder präsentiert, aber Sie und all diejenigen im Stadtrat, die jetzt drum herum eiern anstatt endlich einen Schlussstrich um die braune Vergangenheit zu ziehen, sie bringen die Stadt für die sie Verantwortung tragen, national wie international durch Ihr Zögern in Verruf.

Die Synagogengemeinde Saar ist politisch unabhängig und lässt sich auch von niemanden vor einen Karren binden, sehen aber keine andere Möglichkeit, als alles zu tun, um öffentlichen Druck zu erzeugen und wir werden dabei auch die noch existierende „Ehrenbürgerschaft Hitlers" thematisieren, wenn es sein muss, auch per „offenem Brief" und unter Inanspruchnahme jeglicher medialer Hilfe, alle legalen Mittel werden uns dabei. recht sein unserer Mitverantwortung gerecht zu werden damit die Spuren der Vergangenheit, die derzeit noch auf Völklingen lasten, endlich der Geschichte angehören und damit endlich die jahrelange Verhöhnung der vielen Opfer des Nationalsozialismus ein Ende findet.

Es ist mir unverständlich, wie Sie als Vertreter demokratischer Parteien, so lange mit der Bewältigung des braunen Erbes warten konnten und noch immer können. Plagt Sie keinerlei Mitgefühl für diejenigen, die unter dem Gewaltregime ausgebeutet wurden, die verfolgt und ermordet wurden? Setzen Sie die vermeintlichen Wohltaten, die von dem Kriegsindustriellen angeblich geleistet wurden über das Leben derer, die durch sein Handeln den Tod fanden?

Im Stadtteil Wehrden wurde am 5. Juli 2012 in der Saarstraße 33 u.a. ein Stolperstein für das Euthanasieopfer Fredi Wiedersporn verlegt der von den Nazis ermordet wurde, er wurde gerade einmal 17Jahre alt. Im Stadtteil Ludweiler wurden am gleichen Tag vier weitere Stolpersteine für meine Großeltern, den Bruder meines Großvaters und für einen meiner Onkel verlegt, auch er war bei seiner Ermordung in Auschwitz erst 18 Jahre alt. Das Verbrechen des Fredi Wiedersporn bestand darin, dass er ein behindertes Kind war, so wie das einzige Verbrechen der jüdischen Opfer darin bestand, dass sie Juden waren. Ihr Schicksal steht stellvertretend für das von Millionen Menschen. All jener, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ausgegrenzt, gedemütigt, beraubt, vertrieben, verfolgt, gefoltert und ermordet wurden und Sie setzen sich einfach darüber hinweg.

Es kann doch nicht sein, dass ihnen jegliches Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen ist und Ihnen die millionenfachen Schicksale der Opfer völlig gleichgültig sind. Bitte denken Sie einmal darüber nach, dann müssten Sie sich eigentlich den Forderungen derer anschließen, die sich zur Zeit erheblicher Repressalien ihrer Nachbarn ausgesetzt sehen, nur weil Sie gefordert haben, endlich keine Kriegsverbrecher mehr in Völklingen zu ehren. Wir, die Synagogengemeinde Saar schließen uns dieser Forderung an.

Mit freundlichenen Grüßen
Richard Bermann

<link www.synagogengemeindesaar.de/>Synagogengemeinde Saar</link>


Lortzigstraße 8
66111 Saarbrücken

Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland
Mitglied im Bund Traditioneller Juden in Deutschland e.V.

 


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