Brot und Böller

Zum Jahresende ist es wieder so weit, ein Slogan mit nur drei Wörtern macht die Runde: „Brot statt Böller“. Roland Röder, Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar, sagt dagegen: Brot und Böller.

Erschienen im Magazin Forum.

Unter dem Motto „Brot statt Böller“ sammelte die evangelische Kirchengemeinde in Bargteheide (Schleswig-Holstein) 1981 zum ersten Mal Spenden für „Brot für die Welt“, und bis heute ist die Suggestion dahinter mehr oder weniger gleich geblieben: Wer auf Böller verzichtet, besiegt Hunger und Armut in der Welt. So einfach ist es also, eine gerechtere Welt zu schaffen.

Es gibt viele gute Argumente, die gegen die Knallerei sprechen: Feinstaubbelastung, Müll, erschreckte Tiere, Verletzungen durch unsachgemäßen Gebrauch. Der hier unterstellte Zusammenhang zwischen dem Silvesterfeuerwerk sowie Hunger und Armut in der Welt existiert aber nicht. Genauso gut könnte man aufrufen zu ‚Brot statt E-Auto‘, ‚Brot statt Handys‘, ‚Brot statt Weihnachtsbäume‘ oder ‚Brot statt Wein‘. Der Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität führt ins Leere, wenn er mit einer Leidensmiene und dem moralischen Zeigefinger einhergeht. Dass Menschen hungern, obwohl es genügend Nahrungsmittel gibt, liegt an deren Verteilung und an der Verwendung als Viehfutter. Hunger ist kein Schicksal, sondern wird gemacht. Um Hunger zu bekämpfen, ist eine andere Agrarpolitik nötig, in der Bauern und Bäuerinnen weltweit einen sicheren Zugang zu Land, Wasser und Saatgut haben. Und es liegt an der Durchsetzung eines Lieferkettengesetzes, das diesen Namen auch verdient.

Der Verbots-Aufruf misst zudem mit doppelten Standards, da er zwischen guten und bösen Feuerwerken unterscheidet. Die Kritik am Feuerwerk setzt erst dann ein, wenn „die breite Masse“ an Silvester Raketen zündet. Nicht kritisiert werden die Feuerwerke der Besserbetuchten, beispielsweise nach Klassik-Open-Air-Konzerten, oder das Feuerwerk bei der offiziellen Feier am Vorabend des Jahrestages der Französischen Revolution in Saarbrücken. Dort und bei gestalteten Feuerwerken wie „Rhein in Flammen“ und der Heidelberger Schlossbeleuchtung mit Feuerwerk wird kein Verbot oder „Brot statt Böller“ gefordert. Feiern kann keine Sünde sein, und zum Wesen des Menschen gehört in allen Kulturen der Rausch, die Verausgabung – für manche auch die Freude am Feuerwerk. Auch, wenn es in der Silvesternacht stellenweise zu Entgleisungen kommt, rechtfertigt dies kein pauschales Verbot des Feuerwerks. Dann müsste auch das Münchener Oktoberfest verboten werden.

Im Lauf der Jahrzehnte sind trotzdem verschiedene Player auf den Verbotszug aufgesprungen, eher aus dem evangelischen Bereich als aus dem katholischen. Die Deutsche Umwelthilfe zum Beispiel sammelt Spenden für „Hintergrundgespräche mit Politikerinnen und Politikern“, ohne auf das Thema Hunger einzugehen. Alles, um einem den Spaß am Böllern zu vermiesen. Was sich nach einer kleinen ehrenamtlichen Umwelt­initiative anhört, ist ein mittelständisches Unternehmen mit über 200 Angestellten. Und die wollen erstmal finanziert werden. Jeden Tag. Die kontinuierliche Generierung von Spenden ist für die Deutsche Umwelthilfe überlebensnotwendig. Da bietet sich eine bekannte Diskussion mit Empörungscharakter natürlich an.

Statt sich weiter an dem Slogan „Brot statt Böller“ abzuarbeiten, der die Welt in Gut und Böse einteilt und bei dem man sich mit ein paar Euro auf der richtigen Seite wähnen kann, sollte viel lieber „Brot und Böller“ gelten. Spenden – nicht nur zur Weihnachtszeit – geben ein gutes Gewissen, sie können mal mehr oder mal weniger bewirken, man hat das Gefühl, etwas getan zu haben, und von der Steuer sind sie auch noch absetzbar. Davon unabhängig kann man immer noch gegen die Knallerei sein, genauso wie gegen Handys, E-Autos oder sonstige Modeerscheinungen. Nur mit Hunger hat das herzlich wenig zu tun. Also bitte etwas mehr Gelassenheit.

Ob ich dieses Jahr böllern werde, weiß ich noch nicht – aber vermutlich wieder nicht.