Demonstration zum 35. Jahrestag der Ermordung Samuel Yeboahs durch einen rassistischen Brandanschlag
Heute vor 35 Jahren wurde am 19.9.1991 Samuel Yeboah in Saarlouis ermordet. Durch Nazis. Er starb bei einem rassistischen Brandanschlag. In den 1990ern gab es unter dem autoritären Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine - damals noch SPD - rund 20 weitere rechte Anschläge im kleinen Saarland. Keiner wurde aufgeklärt. Parteien, Justiz Polizei, Medien - schauten bewusst weg.
Aus dem Redebeitrag von Gertrud Selzer (Aktion 3.Welt Saar): "Mit der Gleichsetzung von rechts & links bagatellisierte sich die Mitte der Gesellschaft die Anwesenheit von Nazis zurecht und klopfte sich für das eigene Nichtstun auf die Schulter. (...) Es waren über drei Jahrzehnte drei Organisationen, die dem gewollten saarländischen Staatsversagen widersprachen: Aktion 3.Welt Saar, Saarländischer Flüchtlingsrat und die Antifa Saar. (...) Deren Druck bewirkte, dass Samuel Yeboah nie ganz vergessen wurde." (...) Es kam seit 2020 zu Ermittlungen, zu zwei OLG Prozessen (mit der Verurteilung des Täters), zu einem Opfer-Entschädigungsfonds und dem Einsetzen eines Anti-Rassismus Beauftragten. Zuletzt wurde vor einem Jahr im Rathaus Saarlouis eine Gedenktafel an diesen Mord aufgehängt. Möglich machte dies der OB von Saarlouis, Marc Speicher (CDU). Diese Erfolge zeigen, dass Antifaschismus wirkt. Gertrud Selzer beendete ihren Redebeitrag mit einem Zitat von Marlene Dietrich: "Ich bin aus Anstand Antifaschistin geworden."
Redebeitrag von Gertrud Selzer, Vorstandsmitglied der Aktion 3.Welt Saar
Demonstration zum 35. Jahrestag der Ermordung Samuel Yeboahs durch einen rassistischen Brandanschlag
Samstag, 19.September 2026, Beginn 11 Uhr, Tatort, Saarlouis-Fraulautern
Es gilt das gesprochene Wort
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Hier geht es zur PDF Datet des Redebeitrages
Ich grüße euch zur Gedenkveranstaltung für Samuel Yeboah. Und ein Dankeschön an diejenigen, die diese Veranstaltung auf die Beine gestellt haben.
Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl, wenn ich zum wiederholten Male hier am Tatort stehe. Am Tatort der Ermordung Samuel Yeboahs auf den Tag genau vor 35 Jahren – übrigens zwei Tage nachdem in Hoyerswerda die Nazipogrome begannen und die Bilder davon bekannt wurden. Es war die Zeit der Baseballschlägerjahre. Nazis zogen auch im vermeintlich beschaulichen Saarland durchs Land. Sie warfen Brandsätze und griffen Menschen an, die aus ihrer Sicht undeutsch aussahen:
Undeutsch auszusehen, das meinte:
- zu lange Haare,
- zu bunte Kleider
- zu wenig Stechschritt beim Gehen
- zu wenig von der vermeintlich richtigen Hautfarbe.
Die äußeren Merkmale, die zu körperlichen Angriffen führten, waren beliebig. Die Nazis – auch hier in Saarlouis – beanspruchten die Deutungsmacht darüber, wer sich in der Innenstadt gefahrlos bewegen konnte und wer angegriffen wurde. Saarlouis war für die Nazis eine „national befreite Zone“.
Mit rechts = links adelte die Mitte ihr Nichtstun
Dieses politische Klima wurde von der Landesregierung unter dem autoritären Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, damals noch SPD, geduldet. Zu seinem politischen Vermächtnis gehört es auch, dass fast 20 weitere Anschläge hier im Saarland aus dieser Zeit nicht aufgeklärt wurden. Ebenso schauten der Landtag, die Polizei, die Kommunalpolitik, die Medien und die Justiz weg. Sie machten NICHTS GEGEN NAZIS. Umgekehrt sogar: Wer es wagte, gegen Nazis zu demonstrieren oder einfach nur Zivilcourage zeigte, wurde ratzfatz als gewaltbereiter Extremist oder Extremistin hingestellt und medial in die Pfanne gehauen. Oder man fand sich in der unsäglichen Gleichstellung von rechts = links wieder. Die Stichwortgeber im saarländischen Verfassungsschutz fanden viele willfährige Abnehmer ihrer kruden Theorien. Demnach sollten hier in Saarlouis rechte und linke Jugendliche aufeinander eingeprügelt haben.
Mit der Gleichsetzung von rechts & links bagatellisierte sich die Mitte der Gesellschaft die Anwesenheit von Nazis zurecht und klopfte sich für das eigene Nichtstun auf die Schulter.
Zu dieser politischen Bagatellisierung gehörte auch das Projekt „Akzeptierende Sozialarbeit mit rechten Jugendlichen.“ Es kam wie es kommen musste: die Nazis waren schlauer als die Pädagog:innen, drehten den Spieß um und nutzen dieses Nonsens-Projekt dazu, um sich öffentlich als nette Jugendliche darzustellen, die dann als Leckerli auch mal ein Gespräch in der Redaktion der Saarbrücker Zeitung bekamen. Übrigens: Den Quatsch, mit Pädagogik politische Probleme bekämpfen zu wollen, macht man heute schon wieder - Deradikalisierungsprogramme für Islamisten. Es hat damals nirgendwo in Deutschland funktioniert und tut es auch heute nicht. Politische Probleme muss man politisch bekämpfen und nicht mit Pädagogik weichspülen.
Zurück in die 90er: Trotz all dieser politischen Gaunereien und dem fast kollektiven Wegschauen der gesellschaftlichen Mitte, gab es auch die anderen, die Anständigen: ein paar Punks, ein paar Antifaschist:innen, ein paar Liberale, ein paar Linke, ein paar Konservative, ein paar Christen. Es gab uns, wir waren nicht viele, aber wir schwiegen nicht, sondern machten den Mund auf.
Wenn ich mich hier umschaue muss ich einigen ein Kompliment machen. Vor 35 Jahren wurde Samuel Yeboah aus rassistischen Motiven ermordet. Heute sind hier viele zum Gedenken zusammengekommen, die damals noch gar nicht auf der Welt waren. Es ist eine enorme Leistung, sich dieses „Damals“ anzueignen. Ein „Damals“, wozu du keine Bilder, keine Emotionen und keine konkreten Erfahrungen im Kopf hast. Euch – und ganz konkret DIR - gehört mein tief empfundener Respekt für diese Leistung. Danke dafür. So geht Antifaschismus.
Antifaschistische Erfolge
Es waren über die dreieinhalb Jahrzehnte letztlich drei Organisationen bzw. ihre Milieus, die dafür gesorgt haben,
- dass Samuel Yeboah nie in Vergessenheit geriet
- dass die 18 anderen Verletzten beim Brandanschlag nicht in Vergessenheit gerieten
- und dass die über 20 anderen rechten Anschläge nie in Vergessenheit gerieten. Ich erinnere an die traurigen Höhepunkte, den Bombenanschlag auf die Wehrmachtsausstellung und den Mord an Ahmet Sarlak in Sulzbach.
Ich spreche von der Antifa Saar, dem Saarländischen Flüchtlingsrat und der Aktion 3.Welt Saar. Die drei haben über mehrere Jahrzehnte der offiziellen Verharmlosung widersprochen. Und wir haben das gewollte saarländische Staatsversagen nie akzeptiert und haben ihm widersprochen.
Diese drei Organisationen waren es, die über drei Jahrzehnte mit einer Vielzahl an Aktivitäten enormen politischen Druck entfaltet haben. Dieser Druck war entscheidend dafür, dass Samuel Yeboah nie ganz vergessen wurde und letztlich führte er mit zu einer Zeugenaussage und 2020 zur Aufnahme der polizeilichen Ermittlungen. Und diese Ermittlungen waren endlich seriös. Hätte man so nur 30 Jahre früher ermittelt.
In der Folge gab es vier Veränderungen:
- es gab die zwei Prozesse vor dem Oberlandesgericht in Koblenz mit 66 Prozesstagen. Und der Verurteilung des Täters.
- es gab die Einsetzung eines Opfer-Entschädigungsfonds durch den Landtag,
- es gab den parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der 31mal tagte.
- und es gibt jetzt einen Anti-Rassismus-Beauftragten.
All dies wurde politisch erstritten, durch das Engagement der Antifa Saar, des Saarländischen Flüchtlingsrates und der Aktion 3.Welt Saar. Und all dies heißt eben auch, dass im Gegensatz zu den 1990er Baseballschlägerjahren jetzt auch endlich die Opfer gesehen werden und ihnen Wertschätzung entgegengebracht wird.
Zuletzt wurde vor einem Jahr im Rathaus Saarlouis die Gedenktafel aufgehängt mit der Innschrift. „In Erinnerung an Samuel Yeboah, Flüchtling aus Ghana. Am 19.9.1991 durch einen rassistischen Brandanschlag in Saarlouis ermordet.“ Politisch möglich gemacht hatte dies der Oberbürgermeister von Saarlouis, Marc Speicher, CDU. Auch ihm danke ich dafür an dieser Stelle herzlich.
Ja, genau die Tafel, die 2001 schon mal für wenige Stunden am Rathaus hing, dann von der Stadt abmontiert wurde. Und als besondere Leistung erstritt sich die Stadt Saarlouis in einem vier Jahre währenden Rechtsstreit sensationelle 134,50 € Schadensersatz. Das beschreibt ganz gut den Wahn, dem Antifaschist:innen damals ausgesetzt waren.
Zu diesen positiven Veränderungen gehört auch die klare Aussage des ehemaligen Oberbürgermeister Hans-Joachim Fontaine im Untersuchungsausschuss – das war der Oberbürgermeister, der die Tafel abhängen ließ: Im Untersuchungsausschuss gab er jetzt zu, die Existenz von Nazis geleugnet zu haben um das Image der Stadt Saarlouis zu wahren. Eine späte Einsicht.
All diese Veränderungen – mal konkret, mal strukturell – zeigen für mich zweierlei:
1. Antifaschistisches Engagement wirkt
2. Es hat sich in der Mitte der Gesellschaft durch unser Handeln einiges verbessert Auch der Entschuldigung des langjährigen Polizeipräsidenten Norbert Rupp im April 2022 für das polizeiliche Versagen gebührt Respekt. Was jedoch immer noch fehlt, ist ein Offenlegen der Akten des Verfassungsschutzes und eine ehrliche Aufarbeitung der Rolle des Verfassungsschutzes in dieser Zeit. Die dazu im Untersuchungsausschuss gepflegte Geheimnistuerei war kontraproduktiv.
Und wenn wir weiterhin antifaschistische Erfolge erzielen wollen, müssen wir offen dafür sein, positive Veränderungen wahrzunehmen und sie anzunehmen. Das wir nötig sein, wenn wir der AFD erfolgreich Paroli bieten wollen.
„Ich bin aus Anstand Antifaschistin geworden.“ (Marlene Dietrich)
Liebe Freunde und Freundinnen, lasst mich mit einem Satz von Marlene Dietrich schließen, der großartigen Schauspielerin, die nicht für die Nazis auftrat, sondern lieber für die US-Armee spielte. Marlene Dietrich hat einmal gesagt: „Ich bin aus Anstand Antifaschistin geworden.“
Der Anstand aus dem man Antifaschistin wird, scheint mir ein guter zu sein. IN diesem Sinne: „Ich bin aus Anstand Antifaschistin geworden.“