Der Antisemitismus der konservativen Mitte

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist eine eher konservative Fachgewerkschaft innerhalb des Deutschen Beamtenbundes und organisiert hauptsächlich Erzieher:innen und Lehrer:innen. Er gibt eine Zeitung für seine Mitglieder heraus, die in jedem Bundesland von den Landesverbänden eigenständig erstellt wird. Diesen Zeitungen wollten wir 2018 unsere Broschüre „Juden und Radfahrer beherrschen die Welt. Wieso Radfahrer“ beilegen, insgesamt 50.000 Exemplare.

Den ausgehandelten marktüblichen Preis haben wir im Voraus bezahlt. Die Broschüre lag dann im Sommer 2018 auch in der Zeitung für Baden-Württemberg bei, die anderen Teile der Republik sollten folgen. Daraufhin gab es einen regelrechten Shitstorm an Mails an den VBE in BaWü und vor allem an den Verlag. Die Mails waren voller antisemitischer Klischees und zum Teil von Hasstiraden auf Israel. Die Konsequenz war, dass der Verlag postwendend von allen Vereinbarungen zurücktrat und sich weigerte, die vertraglich zugesagte und bereits bezahlte Verteilung vorzunehmen. Das Ganze zog sich über eineinhalb Jahre hin, wir nahmen uns eine Rechtsanwältin. Letztlich haben wir uns – es stand knapp vor einem Gerichtsverfahren – 2020 außergerichtlich geeinigt: Der Verlag musste uns die Zahlungen zurückerstatten, die nicht verteilten Broschüren zurücksenden und unsere Anwältin bezahlen.

Hier dokumentieren wir einige der Zuschriften an den Verlag sowie die Bewertung und Einordnung von Prof. Dr. Dr. Monika Schwarz-Friesel dazu, die unsere Broschüre wissenschaftlich begleitet hat.

Bewertung von Monika Schwarz-Friesel (Expertin für Antisemitismus, TU Berlin)

"Solche Abwehrstrategien sind seit Jahren typisch: Jedwede Bemühung um Aufklärung gegen Antisemitismus, insbesondere in der israelbezogenen Manifestationsform, wird zum Anlasss genommen, diese Aufklärung zu diskreditieren, indem ihr Seriösität und Faktizität abgesprochen wird. Leugnung und Marginalisierung von Juden- und Israelhass bei gleichzeitiger Diffamierung der Antisemitismusforschung prägen maßgeblich den antisemitischen Diskurs. Exakt die Kommunikationstsrukturen, die sich in den Briefen an den VBE finden, sind bereits ausführlich wissenschaftlich erfasst und erklärt: s. hierzu "Gebildeter Antisemitismus, 2015, sowie die neueste empirische Studie zu Antisemitismus 2.0, 2018.

Die VBE sollte sich dem Druck dieser "Beschwerden" nicht beugen, sondern alles tun, Aufklärungsbemühungen gegen Antisemitismus zu unterstützen. Die VBE nennt auf ihrer Homepage als Ziel "Gerechtigkeit durch Bildung". Diesem Auftrag kann sie durch die Distribution der Lernbroschüre bestens nachkommen."

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Ein Auszug der Mails, die wegen unserer Broschüre an den VBE Verlag/Verband in BaWü gingen:

Lieber Herr XXX,

das ist schon ein starkes Stück! Es sollte für die Druckerei nicht ohne Konsequenzen bleiben! Ich war selbst schon zu Studienreisen in Israel und weiß bestens, wie inakzeptabel es ist, den Nahostkonflikt und den Holocaust so stark auf wenige, zum Teil publizistische und falsche Aussagen zu reduzieren. Außerdem sollte der VBE das auf der Rückseite aufgeführte Ministerium im Saarland informieren. Eine Förderung solcher Organisationen durch staatliche Stellen ist noch inakzeptabler!

LG XX

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Danke für die Info, ich war sehr befremdet, was der VBE da vertritt. Ich denke es gibt eine entsprechende Rückmeldung an den Verlag. Sowas darf nicht vorkommen!

Herzliche Grüße XX

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Sehr geehrter Herr XXX,

habe durch Zufall Ihre Mail an meine Frau wegen des A6 Einlegers im VBE-MAGAZIN gelesen. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass der VBE antisemitisch eingestellt ist. Ich kann dies nicht tolerieren und werde daher meiner Frau den Austritt aus dem Verband empfehlen.

Mit freundlichen Grüßen XX

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Guten Abend,

schön, dass ich Ihre Nachricht erhalten habe! Ich war schon sehr verwundert über diese Beilage und erwähnte schon, den VBE zu kündigen. Einen schönen Abend

XX

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Hallo Herr XXX,

das dem VBE-Heft beigelegte Heftchen, das sich angeblich gegen Antisemitismus wendet, ist so schlecht gemacht und enthält so viele Faktenverdrehungen, dass man nur darüber rätseln kann, was den VBE geritten hat, so etwas Rassistisches zu verteilen. Das Heftchen liest sich wie die Rechtfertigungsschrift der israelischen Regierung zur brutalen Besatzung und zur brutalen Behandlung der Palästinenser.

Viele sind stinkesauer auf Sie. Ich weiss von einem Mitglied, das sich gerade überlegt, ob er aus dem VBE austreten soll. Ich kann Ihnen nur raten, die Kommunikation aktiv in die Hand zu nehmen bevor es aus dem Ruder läuft und an Ihre Mitglieder einen Brief zu schreiben und sich für die Verteilung des Heftchens zu entschuldigen. Ansonsten sieht es nämlich so aus, als ob Sie die menschenverachtende Politik der israelischen Regierung aktiv unterstützen.

Alternativ könnten Sie auch einen Brief/Stellungnahme der Jüdische Stimme für gerechten Frieden im Nahost (http://www.juedische-stimme.de/) verteilen. Evt. könnten Sie auch das Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung (https://www.bib-jetzt.de/) kontaktieren. Dieses Bündnis wurde vom ehemaligen Mitglied im Zentralrat der Juden, Rolf Verleger, gegründet.

Mit freundlichen Grüßen

XX

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Hallo Herr XXX,

die Druckerei jubelt Ihnen dieses Heftchen unter und Sie wollen nur ein "ernstes" Gespräch führen? Wenn mein Vertragspartner mir rassistisches, politisches Material untergejubelt hätte, wäre es das Ende der Geschäftsbeziehung gewesen. Und Sie drängen darauf, dass er Sie dann wenigstens nächstes Mal vorher informiert, wenn er wieder politisches Material unterjubeln will.

Das klingt ja gewaltig nach Rückgrat!

Und ja, natürlich sollten Sie aktiv kommunizieren, dass da etwas schiefgelaufen ist. Die allermeiste Diskussion geht wahrscheinlich an Ihnen vorbei, aber ich kann Ihnen sagen, dass da ganz schön Dampf im Kessel ist. Ein rassistischer Verein jubelt Ihnen eine politisches Heftchen unter und Sie wollen nicht reagieren. Na, das ist Ihre Entscheidung und Sie haben dann aber auch die Konsequenzen dafür zu tragen. Sie können nur hoffen, dass die Presse das nicht aufgreifen wird.

Özil hatte es übrigens auch erst mit Aussitzen versucht (auch wenn ich ihm nichts vorwerfe, hätte er geschickter in der Kommunikation agieren können).

Mit freundlichen Grüßen

XX

PS: Lassen Sie sich die aktive Kommunikation doch von der Druckerei bezahlen.

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Lieber Herr XXX,

ich kann nicht verstehen, wie Sie so ein Pamphlet wie "Juden und Radfahrer beherrschen die Welt." über das VBE-Magazin verteilen können. Eine Woche, nachdem das israelische Parlament das Nationalitätsgesetz beschlossen hat, das allein Juden in Israel ein Selbstbestimmungsrecht einräumt und die Schaffung ausschließlich jüdischer Ortschaften, Vereine etc. erlaubt, verteilen Sie dieses absurde Pamphlet, das jede Kritik an Israel als antisemitisch abtun will. Das neue Nationalitätsgesetz ist - um es auf den Punkt zu bringen – ein Rassegesetz gegen Muslime. Einige meiner Kollegen haben schon gesagt, dass der VBE einen Vollvogel hat.

Ohne Worte,

XX

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Liebe Frau XXX,

liebe Freunde vom VBE,

seit meinem 16. Lebensjahr und vor allem in meiner über 40-jährigen Dienstzeit habe ich als Lehrer, Schulleiter und VBE-Mann für eine gerechte und wahrheitsgetreue Darstellung des Holocaust gekämpft, und ich denke, auch mein in VBE-Magazin … ist ein Ausweis meiner Haltung dazu. Nun fällt mir aus dem heute bei mir eingetroffenen Heft 7/8/2018 die Broschüre "Juden und Radfahrer" entgegen, ein übles Machwerk. Es kommt als "Kampf gegen den Antisemitismus" daher, ist aber reine Propaganda im Dienste der derzeitigen israelischen Politik. Die 10 Punkte der Schrift bedienen im besten Fall alte Klischees, schlimmer sind die Halbwahrheiten, durch welche die ganze Wahrheit verschleiert wird, im schlimmsten Fall (3.) werden die Bewohner der von Israel besetzten und strangulierten Gebiete verhöhnt.
Falls nötig, fühle ich mich in der Lage, die Beweise für meine Aussagen anzutreten. Selbst wenn die Beilage nicht unter redaktionelle Verantwortung fällt, so ist die Gefahr, dass deren Lügen dem VBE eines "auf die Füße fällt", noch der geringere Teil des Übel. Schlimmer ist, dass die Werbung mit "Klassensätzen" einen erheblichen Schaden auf dem Feld objektiven Geschichtsunterrichts anrichten kann.

Wie gehen wir damit um?

XX

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