Die Vogelgrippe - Bewertung, Einschätzung und Annäherung

Die Vogelgrippe hat Deutschland im Griff, so wie schon im Herbst 2016 und 2020. Seit September breitet sich das Virus wieder aus, verstärkt bei Wildvögeln. Nach jetzigem Stand wird es von dort auf Nutztiere übertragen. Eine besondere Rolle scheinen dabei Kraniche zu spielen, die derzeit über Deutschland in den Süden ziehen.

Dieser Artikel erscheint in leicht gekürzter Version am 06.11.20205 in der jungle world

Schon Anfang des Jahres gab es im Emsland eine Übertragung auf Nutztiere, damals wurden über 11 000 Hühner gekeult. Schlimmere Ausmaße angenommen hat der Ausbruch ab September in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg. Als erstes Bundesland hat das Saarland vergangene Woche die Stallpflicht für Geflügel eingeführt, um Kontakte mit Wildvögeln zu vermeiden. Da konnte dieses Bundesland, das ansonsten oft zur Veranschaulichung großer Unfälle herangezogen wird – „ein Ölteppich so groß wie das Saarland“ – wenigstens mal eine Vorreiterrolle spielen. Nach und nach folgten andere Bundesländer oder einzelne Landkreise in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Thüringen, Schleswig-Holstein. Eine bundesweite Stallpflicht ist absehbar.

Eine Krisensituation zieht unweigerlich Experten jeder Couleur an, die ihr Wissen und ihre Gefühle zum Besten geben. Das Problem bei der Vogelgrippe ist aber, dass man relativ wenig weiß, auch wenn sie schon 1878 in Italien beobachtet wurde, also lange vor der Zurichtung der hiesigen Landwirtschaft seit den sechziger Jahren auf die sogenannte Massentierhaltung. Der nun verbreitete Schnellschuss, die Massenhaltung von Geflügel auf engstem Raum habe die Verbreitung des Virus verursacht, lässt sich nach derzeitigem Stand nicht belegen. Zum einen ist der Begriff „Massentierhaltung“ nicht klar definiert, zum anderen wird diese Krankheit derzeit vor allem von Wildvögeln übertragen.

Begriffe wie »Massentierhaltung« und »industrielle Landwirtschaft« suggerieren Klarheit und Eindeutigkeit. Die konventionelle Landwirtschaft sei Schuld, denn dort gehe es nur um Profit. Dabei erscheint es erst mal logisch, dass in einer arbeitsteiligen Industriegesellschaft auch die Landwirtschaft arbeitsteilig und „industriell“ betrieben wird. Stallungen werden aus Stahl und Beton gebaut und nicht aus Stroh und in Lehmbauweise. Hinter der Züchtung von Tieren und Pflanzen steckt ein systematisches, wissenschaftliches Vorgehen, so wie es in jedem anderen Bereich unseres Alltags der Fall ist.

Das alles gilt auch für den bei solchen Diskussionen gerne idealisierten Bio-Anbau. Ein Beispiel: Auch ein eierlegendes Bio-Huhn ist nach spätestens 14 Monaten schlachtreif, weil dann die Anzahl der gelegten Eier im Vergleich zu den Futterkosten unprofitabel wird. Und auch Bio-Hühner leben mit mehreren Tausend Artgenossen auf einem Hof. »Bio« bezeichnet eine andere Anbau- oder Zuchtmethode, kein anderes Wirtschaftssystem.

Umgekehrt ist aber auch richtig, dass sich die Vogelgrippe in Stallungen mit mehreren Tausend Tieren schneller ausbreitet und der Schaden durch verendete – oder gekeulte – Tiere größer ist. Zurzeit werden schon mal über 100 000 Legehennen auf einmal gekeult, die sich in einem einzigen Stall befanden.

Beschleunigt wird diese Störanfälligkeit durch die Züchtung von Rassen mit einer extremen Ausprägung; also Hühner, die „nur“ Eier legen oder die „nur“ auf Gewichtszunahme gezüchtet sind. Hier kann sich das Virus nicht nur leicht verbreiten, auch die Virusmutationen haben in einer Umgebung, die nicht von Artenvielfalt geprägt ist, leichtes Spiel. Bei den Pflanzen ist das ähnlich, wenn auf Hochertrag statt auf Ertragssicherheit gezüchtet wird. Diese Tiere und Pflanzen bringen ihren hohen Ertrag nur, wenn alle Bedingungen stimmen – Wasser, Nährstoffe, Temperatur, Regen, Sonne. Sobald sich einer der Faktoren verschlechtert, verringert sich der Ertrag bedeutend.

Um Nutztiere und Pflanzen allgemein widerstandsfähiger und gesünder zu machen, müsste die Landwirtschaft weniger intensiv und stärker regional betrieben werden. Und man müsste bei Pflanzen und bei Tieren auf hochgezüchtete Einheitssorten verzichten. Allerdings wäre eine solche Landwirtschaft – bei gleichbleibendem Wirtschaftssystem – deutlich teurer für die Kunden.

Die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, dass wissenschaftliche Forschung in kurzer Zeit in der Lage ist, wirkungsvolle Impfstoffe zu produzieren. Neue Impfstoffe gegen die Vogelgrippe gibt es bereits. Im Baseler Zoo wurden im Rahmen eines Forschungsprojektes Vögel mit einem neu entwickelten – aber noch nicht zugelassenen – Impfstoff erfolgreich gegen die Vogelgrippe geimpft

Pandemien werden sich nie ganz vermeiden lassen. Angesichts dessen kann man in Panik oder in moralisierende Schuldzuweisung verfallen. Oder man kann versuchen, die Auswirkungen zu minimieren, also resilienter zu werden, und die wissenschaftliche Forschung auf die Entwicklung von Gegenmaßnahmen konzentrieren. Die Alternative dazu wären eine Flugverbotszone und Grenzkontrollen für Kraniche.

Roland Röder, Aktion 3.Welt Saar