Unsere Rede vom 6. August von der Klimakundgebung in Saarbrücken

cc Aktion 3. Welt Saar

Zum Nachlesen unsere Rede vom 6. August:

Am Jahrestag der franz. Revolution, am 14.7. hat uns der Klimawandel erreicht.
Die Bilder der Flutkatastrophe im Ahrtal haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt.

Dabei sind diese Bilder nicht neu.
Es gibt sie seit Jahren im globalen Süden. Sie kommen aus China, aus Bangladesch, aus Pakistan, von den Philippinen, aus Indonesien und so weiter.

Man ist dann immer ein bisschen geschockt. Aber es berührt uns nicht weiter. Der Schock geht schnell vorbei. Die Katastrophe findet weit weg statt. Anderswo. Nicht bei uns.

Wir wiegen uns hier in der Sicherheit, dass wir Flutereignisse und Hochwasser mit rein technischen und naturschützerischen Maßnahmen in den Griff bekommen. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.

Ein Land wie die Niederlande hat die finanziellen Potentiale, sich durch ausgeklügelte Deichsysteme zu schützen.
In Deutschland werden kluge Pläne gemacht, um den Irrsinn der siebziger Jahre, als massenhaft Flüsse begradigt wurden, zu Teilen wieder rückgängig zu machen. Beides ist sinnvoll und richtig – die technischen wie die naturschützerischen Maßnahmen.
Aber beides hat auch seine Grenzen. Oder wollen wir ernsthaft im Saarland die Flüsse Nied und Prims – die sind vergleichbar mit der Ahr – in Betonwände fassen und die Saar gleich mit. Ich glaube es hackt.

Durch den von Menschenhand gemachten Klimawandel – im Kern geht es ja um die Erderwärmung – ist logischerweise immer häufiger immer mehr Wasser in der Atmosphäre. Wärmere Luft nimmt halt mehr Feuchtigkeit auf. Und dieses „immer mehr an Feuchtigkeit“ regnet sich halt ab: Irgendwo, irgendwann. Und immer heftiger.

Das heißt, so lange wir nicht an die Ursachen gehen – also die CO² Zunahme durch das Verbrennen von Kohle, Gas und Erdöl reduzieren – werden die Flutkatastrophen weiter gehen: Häufiger und größer und überall auf der Erde. Ich brauche kein Prophet zu sein, um zu sagen, dass einzelne Länder im globalen Süden weitestgehend verschwinden werden.
Ich brauche kein Prophet zu sein, um sagen, dass wir hier nochmehr Klimaflüchtlinge haben werden

Das heißt in der Konsequenz, dass wir auch ans Eingemachte gehen müssen.
- Es wird Gebiete geben, die nicht mehr besiedelt werden können. Nicht jedes Baugebiet, was machbar ist, wird umgesetzt werden können. Es geht nicht mehr. Game over.
- Wir müssen uns mit den FanatikerInnen in den Stadt- und Gemeinderäten anlegen, die immer noch gerne non stop Baugebiete auf der grünen Wiese ausweisen möchten. Um im kommunalen Konkurrenzkampf um junge Familien einen Stich zu machen. Wir müssen ihnen sagen: Es geht nicht mehr. Game over.
- Wir können nicht mehr in jeder Region in Deutschland einen schicken kleinen Flughafen haben. Es geht nicht mehr. Game over.

Diese unsere Vorschläge sind erstmal besser, als die Einladung zur Symbolpolitik anzunehmen, mit ein bisschen fairem Kaffee die Welt zu retten oder um sich als Klimahoffnarr von Firmen und Parteien einladen zu lassen. Wenn wir das, was das Klima zerstört, grün anstreichen, ändern wir rein gar nichts – außer ein gutes Gefühl zu haben.

Ebenso wie diese Vorschläge, mit denen wir uns an andere richten – also die Begrenzung von Baugebieten und Regionalflughäfen -, wichtig sind,
so ist es auch wichtig, uns selbst von mancherlei Illusion und Kitsch in unseren Köpfen zu befreien. In unseren Köpfen wabern allerhand romantische und idealisierende Vorstellungen von Wirtschaft. Diese Befreiung ist schwierig.

Wir kennen die Ursache des von Menschenhand gemachten Klimawandels.
Es ist der zunehmend steigende Ausstoß von CO².
Es ist das stetige Wachstum unserer Wirtschaft – national wie global.

Liebe Freunde und Freundinnen,

so sehr man auch daran glauben mag,
so sehr man es sich auch wünschen mag,
es gibt keine Marktwirtschaft und es gibt keinen Kapitalismus ohne Wachstum.

UNSER WIRTSCHAFTSSYSTEM IST AUF GEDEIH UND VERDERB DARAUF AUSGELEGT ZU WACHSEN UND MEHR RESSOURCEN ZU VERBRAUCHEN.
UND DIES IST NICHT DIE ENTSCHEIDUNG DES EINZELNEN, SONDERN ES IST SYSTEMISCH BEDINGT.
Wer sich in der Marktwirtschaft, wer sich im Kapitalismus entscheidet, nicht mehr zu wachsen, trifft eine sicherlich ehrenwerte Entscheidung, aber er trifft damit auch die Entscheidung, vom Markt zu verschwinden.

Wir sind seitens der Aktion 3.Welt Saar auch auf dem Gebiet der Landwirtschaft tätig und entwickeln Konzepte für eine andere Agrarpolitik – gemeinsam mit Bauern und Bäuerinnen – sowohl mit denen, die konventionell wirtschaften wie mit denen, die biologisch wirtschaften.

Ich habe in den letzten zehn Jahren weit über 100 Bauernhöfe gesehen,
mit zahlreichen Bauern und Bäuerinnen gesprochen
und oft deren Verzweiflung mitbekommen.

Dabei ist der Zwang zum Wachstum offensichtlich und mit den Händen greifbar.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Wenn du dir einen Biohof des Jahres 2021 aus der Perspektive des Jahres 1990 oder des Jahres 2000 anschaust, dann ist dieser Biohof des Jahres 2021 nichts anderes als industrielle Landwirtschaft: Mehr Kühe, mehr Schweine, mehr Milch, deutlich größere Traktoren, deutlich mehr Traktoren, deutlich größere Stallungen.
Und im Jahr 2030 wird der nette Biohof noch größer sein.
Dieses Wachstum entspringt nicht der individuellen Entscheidung der Bauern und Bäuerinnen. Dieses Wachstum ist ein Muss, wenn sie denn im Markt drin bleiben wollen.

Das heißt: Wenn wir den von Menschenhand beeinflussten Klimawandel begrenzen und reduzieren wollen, dann müssen wir aus der selbst verschuldeten Wachstumsorgie der Marktwirtschaft und des Kapitalismus aussteigen.
Ich weiß, das ist einfacher gesagt als getan.

Aber so wie wir uns selbst ermächtigt haben, das vor einigen Jahren noch ziemlich unbekannte Thema „Klimawandel“ erfolgreich auf die politische Tagesordnung zu setzen – mal ehrlich, das hätte uns niemand zugetraut – so müssen wir uns jetzt selbst ermächtigen, den Ausstieg aus dem Wachstumssystem auf die Tagesordnung zu setzen.

Wer – außer wir – kommt dafür in Frage?

LASST UNS POLITISCHE LABORATORIEN SCHAFFEN, IN DENEN WIR GENAU DIESE FRAGEN DISKUTIEREN. DAS IST ALLEMAL WICHTIGER, ALS MIT DEM NIMBUS DER KLIMAAKTIVISTIN AUF EINEM PARTEITICKET IN EIN PARLAMENT EINZUZIEHEN. DAMIT RETTET MAN ZWAR SEIN EIGENES AUSKOMMEN, NICHT ABER DAS KLIMA.

Wir haben in unserer aktuellen Flugschrift „Klimakrise bedroht Fußball. Wir müssen handeln….“ als Konsequenz formuliert:
Was heißt hier schon „MEIN HAUS, MEIN AUTO, MEIN ACKER? WER DAS KLIMA RETTEN WILL, MUSS SICH VON DER UNANTASTBARKEIT DES PRIVATEIGENTUMS VERABSCHIEDEN.“

Ansonsten heißt es in absehbarer Zeit auch hier:
Es geht nicht mehr. Game over.


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